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Geschichte in Dormagen: Neue Erkenntnisse zur Hexenverfolgung in Zons

Geschichte : Neue Erkenntnisse zur Hexenverfolgung in Zons

Historiker Thomas Schwabach aus St. Gallen hielt einen Vortrag.

„Geschichte ist nichts Statisches, sondern ein veränderliches Bild, das wir uns von der Vergangenheit machen.“ Mit dieser einführenden Bemerkung fachte Stephen Schröder, Leiter des Archivs im Rhein-Kreis Neuss, die hohen Erwartungen an den Vortrag zusätzlich an. Zu Gast war Historiker Thomas Schwabach aus St. Gallen, ein ausgewiesener Zons-Kenner: Dort ist er aufgewachsen, seit langem ist der Heimatort sein Steckenpferd.

Als geschichtsträchtig galt die in ihrer mittelalterlichen Struktur gut erhaltene Feste Zons schon immer. Aber dass etablierte Überlieferungen korrekturbedürftig sind, in jüngster Zeit neue Erkenntnisse belegt sind und die Historiker noch alle Hände voll zu tun haben werden, das machte der junge Wissenschaftler mit jedem seiner Beispiele klar. Als Belege seiner teils verblüffenden Korrekturen am Geschichtsbild dienen Schwabach die bislang wenig beachteten Protokollbände des Kölner Domkapitels.

Die wie eine Chronik zu lesenden Schriften starten im 16. Jahrhundert und enden 1794, als die Franzosen Zons besetzten. Sie sind mittlerweile online für jedermann einsichtig. Thomas Schwabach hat sich die Mühe gemacht und daraus ein umfassendes Bild der großen und kleinen Politik und der wirtschaftlichen Verhältnisse von damals sowie der Ortsgeschichte gewonnen. „Man findet darin Antworten, nach denen man gar nicht gesucht hat“, eröffnet der Historiker, den besonders der himmelschreiende Justizskandal rund um Katharina Henoth gefesselt hat. In wesentlichen Punkten weicht seine Lektüre von den überlieferten Berichten ab. So sei diese Patrizierwitwe eine durchaus schillernde Persönlichkeit gewesen, die aus nicht restlos geklärten Gründen Opfer der Hexenverfolgung geworden sei. Auch nach fünf „peinlichen“ Folterungen, womit grässlichste Quälerei gemeint ist, bekannte sie keine Schuld. Nach damaligem Gesetz hätte sie somit freigesprochen werden müssen. Schwabach vermutet Hexenwahn oder persönliche Perfidie ihrer Feinde dahinter, auch Streit um hohe Ämter oder Besitztümer.

In Sachen Bekämpfung der Kriminalität geben die alten Papiere weiteren Aufschluss. Scharfrichter kamen von außen. Scheinbar milder als der Tod galten Ausweisung und Gefängnis, die beide völlige Entwurzelung zur Folge hatten. Nicht viel besser war der Verurteilte dran, wenn er zum Kriegsdienst gezwungen wurde. Auch die Schäden durch den damaligen Eisgang waren ein Thema, und dass die Archäologen nach wie vor extrem gefordert sind: „Wo war damals eigentlich der Hafen, und wo lag das alte Dorf?“