Dormagen: Fahnenschwenker für eine Stunde

Dormagen: Fahnenschwenker für eine Stunde

Unser Autor hat den Selbstversuch bei den Horremer Schützen gewagt. Fazit: Was so leicht aussieht, setzt jede Menge Geschick voraus.

Ein bisschen Fahnenschwenken - eigentlich keine große Sache. Das denken viele, und wenn ich ehrlich bin, dachte auch ich nicht, dass es so anspruchsvoll ist. Mein Selbstversuch aber zeigt: Genau das ist es. Eine "Acht" kann ich noch ohne Probleme vor mir durch in die Luft ziehen, bei den Figuren "Rückenschlag" und "Kopfsonne" allerdings brauche ich bereits Nachhilfe von Trainerin Marietta Barabás. Die 22-Jährige zählt genau wie Dominik Grabowski (21) zu echten Experten in Sachen Fahnenschwenken. Die beiden stehen mit an der Spitze der Jugendabteilung der St.-Hubertus-Schützenbruderschaft Horrem und sind jeweils seit vielen Jahren Fahnenschwenker aus Leidenschaft. Sie kennen die Kniffe - und beweisen immer wieder aufs Neue Geduld. Auch mit mir.

Christian Kandzorra schafft auch das Element "Kopfsonne". Foto: Tinter Anja

Wer Fahnen schwenken will, der sollte bewegungsaffin sein. "Wichtig ist auch ein Verständnis für Koordination", sagt Marietta Barabás, die vor fünf Jahren durch Zufall eine Fahne in die Hand genommen hat und sich sofort "ansteckte", wie sie sagt. Seither übt sie fleißig - mit Erfolg. Ganz ähnlich ist es bei Dominik Grabowski: Er ist seit sieben Jahren dabei und Teil einer Familie, die stark vom Schützenwesen geprägt ist. "Die Showschwenker haben mich schon immer begeistert", blickt der Horremer zurück. Heute ist er selbst einer der Profis.

Die Fahnenschwenk-Profis Marietta Barabás und Dominik Grabowski von der St.-Hubertus-Schützenbruderschaft Horrem zeigen ihr Können. Foto: Tinter Anja

Das mit der Koordination ist so eine Sache. Beim Tanzen sowieso - und irgendwie auch beim Fahnenschwenken. "Bis man ein Gefühl für die Fahne entwickelt, können viele Stunden vergehen", erzählt Dominik Grabowski. Mit seiner Kollegin Barabás zeigt er Jugendlichen der Abteilung, wie das mit dem Fahnenschwenken richtig funktioniert. Jeden Montag treffen sie sich in der Turnhalle der Christoph-Rensing-Grundschule in Horrem - aus gutem Grund: Denn während der Festsaison haben sie mehrere Auftritte bei Schützenfesten und anderen Veranstaltungen; und um das Publikum mit Fahnen begeistern zu können, müssen sie jede Menge Figuren "auf Lager" haben. "Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt. Wie bei anderen Sportarten können wir beim Fahnenschwenken vieles miteinander kombinieren", erzählt mir Marietta Barabás und zeigt dabei kunstvoll schwenkend mehrere Fahnen-Figuren.

Zum Schwenken gehört auch kontrolliertes Werfen beim Fahnen-Tausch. Foto: Tinter Anja

Dabei gibt sie nur einen kleinen Einblick in das, was sie tatsächlich kann - alles viel zu anspruchsvoll für einen blutigen Anfänger wie mich. "Beim Fahnenschwenken fangen wir immer mit absoluten Standard-Figuren an", erzählt sie. Dazu gehört die "Acht", also das Schleifenziehen vor sich. Das ist wahrlich keine große Kunst. Ganz anders der sogenannte Rückenschlag: Der basiert auf einer Bauchschleife. Und die geht so: Die Fahne einmal um die Hüfte schwenken und den Fahnenstab immer im Wechsel mit der linken und der rechten Hand greifen. Der Rückenschlag markiert sozusagen den Wechsel in der Richtung, in der die Fahne um die Hüfte geschwenkt wird, erklärt mir Marietta Barabás. Dabei ist jede Menge Fingerspitzengefühl gefragt, denn dieser Wechsel passiert - so, wie der Name schon sagt - hinter dem Fahnenschwenker, also am Rücken.

Von der Lehrerin gibt es Tipps für unseren Autor. Foto: Tinter Anja
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Bis ich die Nummer draufhatte, sind einige Minuten vergangen. Da war die "Sonne" eine erfrischende Abwechslung: eine 360-Grad-Drehung vor dem Körper. "Die ,Kopfsonne' funktioniert ganz ähnlich, nur dass man die 360-Grad-Drehung nicht vor sich, sondern waagerecht über dem Kopf macht", sagt die Trainerin, die sich geduldig zeigt. Ich gebe zu: Ich brauche mehrere Anläufe, um zu verstehen, wie ich die Fahne in welchem Moment mit welchen Fingern halten muss, um exakt die Bewegung zu erzeugen, die eigentlich gefragt ist.

Das sieht richtig schwungvoll in der Turnhalle aus. Foto: Tinter Anja

Ob es eine Sportlergruppe gibt, die das Fahnenschwenken auf Anhieb ohne große Schwierigkeiten lernen kann? "Das ist sehr unterschiedlich. Bei uns trainieren auch Kampfsportler und Fußballspieler", berichtet Dominik Grabowski, der um die lange Tradition des Fahnenschwenkens in Horrem weiß: Derjenige, der die Fahnen-Kunst im Stadtteil mit etabliert hat, ist Brudermeister Manfred Klein. Er schwenkt mit 1,80 Mal 1,80 Meter großen Fahnen, die entsprechend viel wiegen. "Das Standardformat liegt bei 1,20 Mal 1,20 Metern und einem Gewicht von etwa 1,6 Kilogramm", erklärt Grabowski.

Bei den Horremer Schützen lernt Christian Kandzorra das Fahnenschwenken von Marietta Barabás. Foto: Anja Tinter

"Wir sind eine große Familie, auch ohne echte Verwandtschaftsbeziehung", erklärte Manfred Klein. Der Horremer Brudermeister hat selbst die Kunst des Schwenkens an viele Fahnenschwenker weitergegeben, aber auch an seine Familie: an seine beide Söhne Sascha und Thorsten. Auch sein Bruder Jürgen Klein, Oberst der St.-Hubertus-Schützenbruderschaft Horrem, ist ebenso mit im Team wie dessen Sohn Simon. Angefangen hat Manfred Klein bereits vor 47, wenn nicht gar 48 Jahren, wie der 54-Jährige zurückblickt. Die Kunst weiterzugeben, ist ihm wichtig: "Es wäre sehr schade, wenn die Jungs und Mädels nach der Ausbildung nur in Horrem schwenken würden", meint Klein. So kamen Auftrittsorte wie Nievenheim, Zons, Stürzelberg und Delrath hinzu, oder auch Oekoven. "Das Fahnenschwenken ist ein tolles Hobby - und so schwer, wie es aussieht, ist das gar nicht." Auch wenn viel geübt werden müsse.

Insgesamt 26 Fahnenschwenker gibt es bei den Horremer Schützen, viele der "alten Hasen" sind Mitglied im sechsten Jägerzug "Jood Schuss" und haben kein regelmäßiges Training mehr nötig. Die Jugend allerdings hält sich mit den Fahnen fit - aufgeteilt in mehrere Altersgruppen trainiert sie fast jede Woche - und lernt dabei auch anspruchsvolle Figuren wie den "Kicker", bei dem das untere Ende des Fahnenstabs auf den Fuß aufgesetzt und wie ein Ball zum nächsten Fahnenschwenker "geschossen" wird, der die Fahne mit einer Hand fängt. Als Dominik Grabowski und Marietta Barabás mir das zeigen, bin ich "baff" - und mir wird klar, dass ich wohl noch einige Stunden üben muss, bis ich auch mal so weit bin...

(cka)