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Interview Nicolas Limbach: "Ein Sportler lebt nicht nur für Olympia"

Interview Nicolas Limbach : "Ein Sportler lebt nicht nur für Olympia"

NGZ-Redaktionsleiter Ludger Baten sprach mit dem Weltklasse-Säbelfechter über den Spagat zwischen Spitzensport und Ausbildung.

Muss man Fußballer sein, um richtig in den Schlagzeilen zu stehen?

Limbach Wenn ich das "Aktuelle Sportstudio" schaue, frage ich mich immer wieder, warum das nicht "Aktuelles Fußballstudio" heißt. Ich bin selber großer Fußballfan, aber ich warne davor, dass eine Fußball-Monokultur entsteht. Angesichts der hohen Summe, die ARD und ZDF für Fußball-Übertragungsrechte ausgeben, frage ich mich als Gebührenzahler, ob das richtig ist. Man könnte das Geld auch in andere Programme investieren. Es muss nicht zwingend Fechten gezeigt werden. Ich sehe gerne andere und vielfältige Sportarten. Wenn wir immer nur Fußball zeigen, verbauen wir uns die Basis, dass Kinder auch Spaß haben an anderen Sportarten.

Leute aus der TV-Branche würden sagen, dass der Markt die Fülle an Fußball-Übertragungen verlangt.

Limbach Das ist aus meiner Sicht eine selbsterfüllende Prophezeiung. Wenn ich den Leuten nur das eine serviere, wollen auch sie nichts anderes essen.

Wie wichtig ist die Berichterstattung für Sie, um Sie zu motivieren?

Limbach Ich kann mich sogar darüber freuen, wenn jemand schlecht über mich schreibt und er Recht damit hat. Das sind Artikel, die ich gerne lese. Und wenn ich beim nächsten Mal wieder gut war, und derjenige das auch schreibt, empfinde ich das als ehrlich. Ich bin aber nicht eitel genug zu sagen, dass ich gerne in der Zeitung stehe. Ich sehe mich aber in der Pflicht, das Fechten zu bewerben. Und jedes Mal wenn Nicolas Limbach in der Zeitung steht, steht das Fechten in der Zeitung.

Wie sind Sie zum Fechten gekommen?

Limbach Meine Eltern haben sich beim Fechten kennengelernt. Das ist schon mal eine kleine Vorprägung. Allerdings haben sie mich nie zum Fechten gezwungen. Mit sechs Jahren habe ich dann angefangen. Aber ich habe gleichzeitig Leichtathletik und andere Sportarten gemacht. Mit zunehmenden Alter musste ich mich dann für eine Sportart entscheiden, weil die Trainingszeiten sich überschnitten haben. Am Ende ist das Fechten übriggeblieben, weil da die besten Kumpels waren. Ich habe mich für die Freunde entscheiden. Das war die richtige Entscheidung, die Freunde habe ich immer noch.

Wären Sie auch in einer anderen Sportart erfolgreich gewesen?

Limbach Das ist natürlich spekulativ. Aber Leute um mich herum behaupten, dass ich in anderen Sportarten auch gute Chancen gehabt hätte.

Wie wird festgestellt, ob Florett, Degen oder Säbel zu einem passen?

Limbach Die meisten Vereine in Deutschland sind auf eine Waffe spezialisiert. Das Säbelfechten zeichnet sich dadurch aus, dass mit einer Hiebwaffe gefochten wird. Deshalb muss man die Aktion suchen. Man muss jemand sein, der nach außen geht, der vielleicht auch ein kleiner Schauspieler ist. Das kann niemand machen, der introvertiert ist. Solche Leute wählen eher den Degen, wo eine abwartende Taktik eher zum Erfolg führt.

Ist Säbelfechten eine Zuschauersportart?

Limbach Auf Dauer nicht. Aber für einmal, wenn man es entsprechend präsentiert, also die Dynamik und die Emotionalität zeigt, kann es funktionieren und die Zuschauer begeistern. Aber ich sage auch klar: Sport muss man live erleben. In Rom gibt es zum Beispiel große Schaukämpfe, die spektakulär präsentiert werden und zu denen die Zuschauer auch kommen. Aber wir sind auf Dauer keine TV-Sportart.

Wann kamen Sie zum Leistungssport?

Limbach Man braucht ein Umfeld, das einen fördert und fordert, aber nicht überfordert. Meine Eltern haben mich immer unterstützt. In den Leistungssport kommen die wenigsten durch eine bewusste Entscheidung, weil sie als Kinder damit anfangen. Wenn man später anfängt, ist meist der Zug abgefahren. So richtig los ging es dann mit zwölf Jahren. Nach und nach wurden mehr Trainingseinheiten angeboten. Was sollte ich auch tun? Meine Freunde waren beim Training, und wenn ich zu Hause geblieben wäre, wäre ich dort alleine gewesen. Dann stellten sich die Erfolge ein. Man investiert mehr und will sehen, wie gut man wird. Und auf einmal ist man auf der Leistungssport-Schiene.

Trainieren Sie jeden Tag?

Limbach In der Vorbereitung auf die olympische Saison haben wir elfmal die Woche trainiert. Das ist eine reine Trainingszeit von 25 Stunden. Dazu kommt die Arbeit mit dem Physiotherapeuten, dem Psychologen und Videoanalysen. Das ist dann ein Fulltime-Job.

Wann haben Sie das erste Mal davon geträumt, bei Olympia zu starten?

Limbach Ich glaube, als ich noch klein war. Da war mir gar nicht klar, in welcher Sportart.

Mit 22 Jahren waren Sie zum ersten Mal bei den Olympischen Spielen in Peking. Vier Jahre später sind Sie nach London mit dem Ziel gefahren, eine Medaille — möglichst Gold — zu holen.

Limbach Ich bin da pragmatisch und ehrlich: Wenn man Nummer eins der Welt ist und in den vergangenen Jahren vier Jahren dreieinhalb Jahre die Nummer eins war, will man nicht nach London fahren, um einen schönen Sommer zu verbringen. Mir war auch ganz klar, dass ich ohne Medaille nach Hause fahren könnte. Was mir wichtig ist in der Nachbetrachtung: War ich gut oder war ich schlecht an dem Tag? Ich bin in Peking und London an einem starken Gegner knapp gescheitert. Mein Trainer hat mir nichts anderes gesagt, und auf dessen Meinung gebe ich viel.

Ist Rio 2016 für Sie im Moment ein Thema?

Limbach Ein Sportlerleben besteht nicht nur aus Olympia. 2013 ist für mich ein Übergangsjahr, in dem ich andere Prioritäten setze, zum Beispiel in meiner Ausbildung.

Was ist Ihr Berufsziel?

Limbach Ein klar definiertes Ziel habe ich so nicht. Es nicht mein Ziel, Trainer zu werden. Ich studiere International Business Administration, das ist BWL auf Englisch, in diese Richtung geht es auch. Es kommt jetzt die Zeit, in der ich Erfahrung sammeln muss mit Praktika, um zu sehen, wo meine Interessen sind und wo ich erfolgreich sein kann.

Bringt man als Sportler positive Eigenschaften mit, die im Beruf helfen können?

Limbach Ich glaube, dass Sportler einem Unternehmen viel bringen können. Aber sie müssen auch einiges lernen. Ich glaube, dass die Wirtschaft vom Sport lernen kann, aber auch der Sport von der Wirtschaft.

Was kann ein Sportler mitbringen?

Limbach Wir sind absolute Teamplayer. Wir können auch mit Menschen auskommen, die wir persönlich nicht mögen. Vieles im Leben wird von Eitelkeiten geprägt. Dafür ist innerhalb einer Sportmannschaft kein Platz. Da können Sportler sehr professionell mit umgehen.

Sie engagieren sich beim Verein "Partner für Sport und Bildung". Warum bringen Sie sich dort ein?

Limbach Neben den handelnden Personen ist es das Konzept: Es geht darum, jungen Sportlern Perspektiven zu bieten, was die Ausbildung angeht. Das Problem ist das Zeitmanagement. Praktika hätte ich jederzeit besuchen können, aber mir fehlte die Zeit. Es ist schwer, wenn man zwischen 8 und 10 Uhr die erste Trainingseinheit hat und um 17 Uhr schon wieder für die zweite Einheit gehen muss. Das funktioniert nur, wenn es von ganz oben im Unternehmen abgestimmt ist. Ein Sportler kann auch Werte in Unternehmen bringen, die einer Gruppe unglaublich gut tun. Wir wollen die Leute, die hier vor Ort sind, binden und einen Mehrwert schaffen für die Unternehmen.

Neben den Partnern für Sport und Bildung gibt es zum Beispiel auch die Sparkassenstiftung. Sind das ganz besondere Initiativen hier im Rhein-Kreis?

Limbach Die Sparkassenstiftung ist ganz entscheidend. Die haben mir als 16-Jähriger mein erstes kleines Taschengeld gezahlt. Das hat mich extrem motiviert. Worauf wir Stolz sein können im Rhein-Kreis Neuss ist, dass wir hier einen Boden haben, der den Sport unterstützen will. Es gibt eine Basis, die ein Herz für den Sport hat. Und das ist etwas, was in anderen Regionen fehlt. Auf der anderen Seite muss ich auch sagen, muss dieser Boden auch etwas anders bearbeitet werden, um noch mehr herauszuholen.

Wenn man von Sport spricht, spricht man auch schnell über Doping. Wie sehen die Kontrollen im Fechten aus?

Limbach Vor drei Wochen standen die Kontrolleure um sechs Uhr morgens bei mir vor der Tür. Ich finde das aber in Ordnung. Aktuelle Studien, wonach zehn Prozent der befragten Leistungssportler bereits zu unerlaubten Mitteln gegriffen haben, und der Jahresbericht der Nationalen Anti Doping Agentur der aufzeigt, dass nur 0,05 Prozent aller Kontrollen positiv sind, zeigen mir, dass es eine deutsche Dopingproblematik gibt. Dieser Problematik kann augenscheinlich nicht eine Stiftung mit einem Jahresbudget von nur einer Million Euro beikommen. Doping als Straftat in die Gesetzgebung aufzunehmen würde der Verfolgung ganz andere Möglichkeiten schaffen. Durch Sportler wie Lance Armstrong erfährt der Sport einen Imageverlust. Die Glaubwürdigkeit des Sports wird aber in der Zukunft eine große Rolle spielen. Aus meiner Sicht ist es somit essenziell aufzuräumen und dem Sport die Glaubwürdigkeit zurück zu geben. Doping hinzunehmen oder gar freizugeben wäre fatal. Der Sport nimmt für die Gesellschaft und speziell für die Jugend eine Vorbildrolle ein. Eine Dopingfreigabe würde den Sport zum Jahrmarkt der Pharmaindustrie machen und Dopingsünder wie Lance Armstrong im Nachhinein heroisieren. Außerdem wäre ein fairer Wettbewerb sicher nicht mehr möglich, es würde diejenigen dominieren, die das meiste Geld investieren können.

JAN WIEFELS FASSTE DAS GESPRÄCH ZUSAMMEN.

(NGZ/rl)