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Dormagen: Ein Rastplatz für die Seele

Dormagen : Ein Rastplatz für die Seele

Seit 1976 ist die Autobahnkapelle St. Raphael in Nievenheim ein Raum der Besinnung und des Gebets. Eine Gruppe von ehrenamtlichen Helfern kümmert sich liebevoll um den Bau. Am 11. Juli wird eine Andacht gehalten.

Zehn Schritte – mehr braucht es nicht, um von den Parkplätzen hinter der Autobahnraststätte Nievenheim an der A 57 zur Kapelle zu gelangen, die nach Plänen des Architekten Carl Hecking gebaut und am 2. Juli 1976 geweiht wurde. "Unsere Kapelle", sagt Helene Schiele, "ist eine richtige Autobahnkapelle." Der Verkehr rauscht in Sicht- und Hörweite achtlos vorbei, doch dort, an dieser unscheinbaren Oase, gibt es keinen Grund mehr zur Eile. "Dort kommt man zur Besinnung", sagt Schiele, und meint auch sich selbst. Am 11. Juli ist bundesweiter Aktionstag der Autobahnkirchen. Dann wird auch in St. Raphael eine Andacht gehalten.

Seit 30 Jahren gehört Schiele zu einem Kreis von Ehrenamtlern aus Delrath, der sich um die Kapelle kümmert, drei Pärchen und vier Alleinstehende. Menschen, die zwei Mal die Woche nach dem Rechten sehen, Kerzen auffüllen, Unkraut jäten, Schnee schippen, Schäden ausbessern, bisweilen auch den Dreck wegräumen, den Zeitgenossen hinterlassen.

Und doch ist St. Raphael für Helene Schiele und ihren Mann Dieter, der eigenhändig die behindertenfreundliche Rampe am Eingang konstruiert hat, kein Ort der Arbeit und der Mühe. "Wir empfinden die Aufgabe nicht als Last. Die Kapelle gehört zu unserem Leben." Warum Helene Schiele diesen Raum so mag, erfährt man, wenn sie die Tür schließt. Dann verstummt der Verkehr. "Und das Gebet kommt wie von selbst", sagt die 67-Jährige.

Dunkel ist der achteckige Raum bei geschlossener Tür, und still. Zwei Topfpflanzen halten gebührenden Abstand zur Raphaels-Statue, die der Bildhauer Jochem Pechau geschaffen hat. Am Rand lädt eine handgeschriebene Bibel zum Blättern auf – zwei sind in den vergangenen 30 Jahren gestohlen worden. Nicht viel angesichts der Zahl der Besucher, über die natürlich niemand genau Buch führt. Doch die Zahl der brennenden Kerzen verrät, dass diese Kapelle kein einsamer Ort ist. "Jedes Jahr werden etwa 10 000 Kerzen angezündet", weiß Helene Schiele. Sie tauchen den Raum in warmes Licht. "Die Kapelle ist bewusst so schlicht gehalten, weil sie allen Konfessionen Zugang gewähren soll", sagt die Delratherin. Auch mit Muslimen hat sie sich dort schon mit Händen und Füßen über Gott ausgetauscht.

"Wenn jemand darin betet, bleib ich draußen", sagt Gertrud Schülke aus dem Team der Ehrenamtler. Sie sucht nicht nur die Stille, sondern auch Geselligkeit. "Hier kann man sehr schön erzählen", sagt sie und fügt hinzu: "Ich will es um die Kapelle herum so sauber haben wie zuhause." Die Kapelle, kein Zweifel, ist ein Stück Heimat. Nicht nur für Helene und Dieter Schiele, für Gertrud Schülke und die anderen Pflegekräfte. Sondern auch für die Reisenden, die ihre Fahrt hier unterbrechen, innehalten und beten.

(NGZ)