Dormagen: Ein Känguru propagiert den Klassenkampf

Dormagen : Ein Känguru propagiert den Klassenkampf

Ein Sofa, ein Spielautomat, dazu eine Hängematte neben dem Tresen: Vor diesem Setting entfaltet sich das Stück "Die Känguru-Chroniken", gespielt und gesungen vom Ensemble der Burghofbühne Dinslaken. Das Landestheater im Kreis Wesel hat sich des modernen und zeitkritischen Stoffs von Marc-Uwe Kling angenommen, weil, so begründet es Intendant Mirko Schombert, "wir damit eine jüngere Generation ins Theater locken können". In Knechtsteden am vergangenen Freitag stimmte das: Dort schauten sich drei Schulklassen aus dem Norbert-Gymnasium die Bühnenfassung des Episodenromans an.

Der Stoff ist schräg genug: Ein Berliner Kleinkünstler (Patrick Welzbacher) teilt notgedrungen sein Wohnzimmer mit einem Känguru (Julia Sylvester). Das arbeitslose, anarchistische Beuteltier hat sich dort eingenistet und bestimmt fortan den Alltag des jungen Mannes - im Wohnzimmer wie auch in der Eckkneipe "Bei Herta", die im Bühnenbild zusammengeführt werden.

Dort lässt sich mit der Wirtin (in dieser und verschiedenen anderen Rollen brillant: Markus Penne) trefflich philosophieren. Und darin liegt der tiefe Kern des witzigen, absurden Stücks. Das Känguru propagiert den Klassenkampf. Es verweigert sich der Leistungsgesellschaft, die durch eingespielte Nachrichten aus dem "Produktivitätsministerium" stets bedrohlich präsent ist, und wirft damit die Frage auf, was den Wert des Individuums eigentlich ausmacht. In Begegnungen mit einem Patrioten ("gesunder Patriotismus, das ist wie gutartiger Tumor") und einem Nationalsozialisten ("Nazis raus - ja, wohin denn raus"?) zeigt es auf, dass Parolen viel zu kurz greifen, um gesellschaftliche Probleme zu lösen.

Das alles inszeniert Mirko Schombert leichtfüßig nach dem Konzept "Theater auf dem Theater": Der Zuschauer sieht dem Kleinkünstler und dem Känguru dabei zu, wie sie für ihr Bühnenstück proben. Die Darsteller harmonieren perfekt, und Bühnen-Musiker Jan Exner durchzieht das Stück mit vielen kleinen Liedern.

Schomberts Inszenierung kratzt, ebenso wie ihr literarisches Vorbild, an den drängenden Fragen unserer Zeit. "Integrieren heißt produzieren", sagt die Beamtin, die am Schluss des Stückes kommt, um das arbeitslose - und damit auch nutzlose? - Känguru nach Australien abzuschieben.

Dabei hat das Beuteltier zuvor gerade noch die deutsche Hymne auf der Geige gefiedelt. Weil das Publikum nur glückliche Enden mag, darf das Beuteltier doch bleiben. Und den Applaus der Dormagener Zuschauer genießen, die sich durch diesen Stoff und die Art der Inszenierung in Teilen "durchbeißen" mussten.

(-fg)