Dormagen: Drei Brüder im Namen Gottes

Dormagen: Drei Brüder im Namen Gottes

Knechtsteden Zusammen, so könnte man meinen, wären sie unerträglich: Geballte Frömmigkeit. Nichts davon. Das priesterliche Trio ist heiter, frotzelt miteinander, unterhält sich auch ernsthaft, tiefgehend… drei Brüder wie andere auch. Und doch sind sie anders als andere Geschwister. Alle drei Merkel-Brüder sind ihre Wege als Priester gegangen. Jeder für sich - und doch alle gemeinsam für Gott, für die Menschen, die an ihn glauben, für die Armen, Schwachen, Bedrängten.

Knechtsteden Zusammen, so könnte man meinen, wären sie unerträglich: Geballte Frömmigkeit. Nichts davon. Das priesterliche Trio ist heiter, frotzelt miteinander, unterhält sich auch ernsthaft, tiefgehend… drei Brüder wie andere auch. Und doch sind sie anders als andere Geschwister. Alle drei Merkel-Brüder sind ihre Wege als Priester gegangen. Jeder für sich - und doch alle gemeinsam für Gott, für die Menschen, die an ihn glauben, für die Armen, Schwachen, Bedrängten.

Meinrad Merkel ist seit Mai 2000 Bischof in der brasilianischen Diözese Humaita. Sein Bruder Norbert ist Pater und seit 25 Jahren Leiter des Libermannhauses in Knechtsteden. Der Dritte im Bunde ist Carl, Pastoralpriester und Professor für Psychologie an der katholischen Universität in Eichstätt. Sie verbindet der Glaube, sie eint das Priesteramt. Und dennoch kommt eine weitere Komponente hinzu: ein faszinierendes Interesse am Menschen, seiner Psyche, der Abgründe, aber auch an den unendlich beglückenden Seiten seiner Seele.

Die geistige Basis der Merkel-Brüder - sie sind nicht verwandt mit der Kanzlerin - ist das Elternhaus. Die Eltern, Franz und Thekla Merkel, leben an wechselnden Wohnorten im allemannischen Raum. Die Mutter ist fromm, der Vater, Volksschullehrer, spielt die Orgel in den Kirchen der jeweiligen Wohnorte. "Es war keine zwingende Frömmigkeit", sagt Meinrad Merkel heute. Glaube und Religion geben die Kraft, das Leben der kinderreichen Familie zu meistern. Neben den drei Priesterbrüdern komplettierten vier weitere Brüder und eine Schwester die Familie; zwei weitere Schwestern waren früh gestorben.

Der 1932 geborene Gottfried hatte ebenfalls Theologie studiert, hat sich dann aber für den Lehrerberuf entschieden, 1934 wurde der spätere Heilpädagoge Aloys geboren, Bruder Werner, 1940 geboren, studierte ebenfalls Theologie und Philosophie, entschied sich dann aber für ein weltliches Leben, wurde Pharmareferent. Wilfried, 1943 geboren, wurde Buchhändler.

Die Kirchgänge gehören zum Leben der Familie, doch dass die Jungen Theologie studieren, ist keine Selbstverständlichkeit. Aber ein Weg, das Beste aus dem kargen Leben in Einklang mit den Überzeugungen der Familie zu machen. Es herrscht Krieg: Der Vater gerät in russische Kriegsgefangenschaft, kehrt erst 1949 zurück.

Carl Merkel wird 1936 in Erfeld/Odenwald geboren. Er besucht nach der Volksschule ein Konvikt der Pallotiner. In Freiburg studiert er Theologie und Philosophie, wird 1963 zum Priester geweiht. Nach einer Kaplanstelle in Pforzheim wird ihm eine Entscheidung nahe gelegt: In die Mission nach Brasilien zu gehen oder Psychologie zu studieren und sich zusätzlich für diese Wissenschaft zu verpflichten. Allein das Pastoral scheint den Oberen zu wenig für den begabten jungen Mann.

Carl Merkel entscheidet sich für den zweiten Weg. Mit einer Aufsehen erregenden Arbeit über die psychologische Seite des Alkoholismus wird er in Bonn promoviert. Er geht nach Freiburg zurück, und schon kurze Zeit später erreicht ihn dort der Ruf der katholischen Universität in Eichstätt, die damals gerade eröffnete. Er wird Professor für Psychologie und - was bei seinen Brüdern etwas spöttischen Neid hervorruft: bayerischer Staatsbeamter. Carl Merkel gilt als Koryphäe in seinem Fach.

Und er hat genügend Gesprächsstoff mit seinem Bruder Norbert, geboren 1938. Auch er findet über die Schule zur Kirche. Von 1950 bis 1956 besucht er das Internat der Spiritaner in Speyer, wechselt für die Oberstufe nach Menden im Sauerland, macht dort sein Abitur. Es folgt das Noviziat in Heimbach in der Eifel, eine Art Eignungstest und Vorbereitungszeit für den Orden. Bis dahin eine typische Spiritaner-Karriere, wie sie auch sein Bruder Meinrad absolvierte. Es folgt das Theologie- und Philosophie-Studium in Knechtsteden, damals Ordenshochschule.

1965 wird Norbert Merkel zum Priester geweiht. Die nächste Station ist Menden: Der Orden schickt ihn als Präfekten dorthin, wo er wenige Jahre zuvor noch Schüler gewesen war. Es folgt ein Aufenthalt in Innsbruck. Dort studiert er Pastoralpsychologie. Ein Fach, das damals verstärkt aufkommt, als die Gläubigkeit in das rein Theologische zu wanken beginnt. Heute sagt Norbert Merkel: "Als Theologe bin ich ohne Psychologie arm dran." Er macht eine Lehranalyse, ist an der Jesuitenhochschule eingeschrieben. Im Beichtstuhl kommen ihm heute noch seine damaligen Erfahrungen zugute. "Innsbruck war eine wunderbare Zeit".

Doch der Alltag holt ihn wieder ein: Norbert Merkel kehrt als Internatsdirektor zurück nach Menden. Eine schwierige Zeit. Die 68er Jahre machen auch vor den Toren der Spiritanerschule nicht halt. Was aber weitaus schwieriger ist: Er muss das Internat schließen, er und seine Mitbrüder müssen St. Josef ganz aufgeben. Es gibt kaum noch Nachwuchs für den Orden, der dort ausgebildet werden könnte. Das war eine schwere Aufgabe, an der einige zerbrechen, die heute auf dem Knechtstedener Friedhof begraben sind. Ausgleich findet Merkel in der Psychotherapie, die er mit großem Erfolg anbietet. Berufsbegleitend lässt sich Norbert Merkel an der Fachhochschule Köln zum Supervisor ausbilden.

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Es folgen sieben spannende Jahre als Priester/Psychotherapeut in der Justizvollzugsanstalt Gelsenkirchen. Er ist dort in erster Linie Supervisor der Psychologen und Sozialtherapeuten. Dann folgt der Ruf ans Mutterhaus. Anfang der 80er Jahre übernimt Norbert Merkel das Libermannhaus, die Erwachsenen-Bildungsstätte der Spiritaner im Kloster Knechtsteden. Er managt das Haus bis zum Ende dieses Jahres mit großem Erfolg, schätzt in seiner Arbeit die Nähe zur Psychologie - ohne die priesterlichen Aspekte zu vernachlässigen. Jetzt wird das Haus aufgegeben.

Meinrad Merkel, geboren 1944, durchläuft eine ähnliche Ausbildung bei den Spiritanern wie sein Bruder Norbert. Doch er entscheidet sich schon früh für die Mission. Und er hat einen Traum: "Die Landwirtschaft in Südamerika revolutionieren." Er studiert bei den Missions-Benediktinern am Starnberger See. Dort spezialisiert er sich auf die Landwirtschaft in den Tropen. Und er unternimmt seine erste Reise nach Brasilien. Viele weitere sollten folgen. "Ich wollte als Missionar wirken und den Menschen über eine neue Landwirtschaft zu einer besseren Ernährung und einem besseren Leben verhelfen." Er bleibt als Missionar am oberen Jurqua im Grenzgebiet zu Peru.

Weitere Stationen sind unter anderen Belo Horizonte mit Pfarr-Arbeit und Ausbildung von Studenten (1982 -1987). Es schließen sich zwei Jahre in Knechtsteden an, Meinrad Merkel baut für die Spiritaner das Projekt "Missionar auf Zeit" (MaZ) in Stuttgart auf. Doch ihn zieht es wieder in die Ferne, nach Bahia, wo er als Missionar in einer Pfarre arbeitet, auch dort im MaZ-Projekt aktiv. Ab 1999 ist er in der Millionen-Metropole Sao Paulo, betraut mit Aufgaben von der Studenten-Ausbildung bis zur Organisation einer Wallfahrtskapelle.

Mitten in diese Arbeit kommt am 26. Juli 2000 die Post aus Rom. Papst Johannes Paul II. ernennt ihn zum Bischof. "Er wollte als Kind immer Papst werden", erinnert sich Bruder Norbert lachend... Meinrad Merkel ist überrascht, seine Brüder sind es weniger. Angeblich stand sein Name bereits ein Jahr zuvor ganz oben auf einer Namensliste heißer Kandidaten für dieses Amt. "Es lag in der Luft", sagt Norbert Merkel.

Seine Diözese Humaita ist etwa doppelt so groß wie Bayern, zählt 100 000 Menschen, darunter drei Viertel Katholiken. Ein schwieriges Amt, vor allem bei den sozialen Projekten. In einem Interview der in Knechtsteden erscheinenden Missionszeitschrift "Kontinente" stellt er sich den Fragen seines Bruders Carl.

Eine Kommission für Gerechtigkeit und Frieden, die sich um sozialen Ausgleich kümmert, ein Bürgerforum, das sich mit politischen, ökologischen und sozialen Fragen befasst, sind einige der Projekte, die Meinrad Merkel angestoßen hat. Pastoral des dritten Lebensabschnitts für ältere Menschen, Erziehung durch Gemeinschaft, Aufbau von Schwesternteams, Seelsorge für Gefangene, Soldaten in Krankenhäusern sind weitere Inititive in der weitläufigen Diözese.

Sehnsucht nach Deutschland? "Dort habe ich meine Wurzeln, und die werde ich niemals verlieren", sagt Meinrad Merkel. Im Kontakt mit seinen Brüdern, seinem Stammhaus in Knechtsteden findet er Kraft und Ausgleich für sein Amt. Das gilt auch für die weiteren Geschwister. Wann immer es möglich ist, reisen sie nach Brasilien oder treffen in Deutschland zusammen. So erst kürzlich bei der Goldhochzeit eines der Geschwister. Den feierlichen Gottesdienst feierte das priesterliche Brüder-Trio gemeinsam.

Drei Lebenswege, die aus einer Quelle hervorgegangen sind. Die sich ähneln. Die doch so verschieden sind. Geprägt von dem Gehorsam gegenüber Kirche und Orden - doch darin nutzen sie die geistigen Freiräume: Norbert und Carl in der Psychologie, Meinrad Merkel in seinen sozialen Projekten in Brasilien.

Er ist zwar der Ranghöchste unter den Brüdern, aber nicht der Boss. Das Trio bildet eine heilige Allianz. Der Glaube zeigt in ihm ein weltoffenes Gesicht, Priester am Leben orientiert. Und sie zeigen ihre Zufriedenheit mit ihren Leben, sind stark in ihrer Überzeugung: Den Glauben eng mit der Wirklichkeit verbinden. Jeder in seinem Dienst, jeder in seiner Verantwortung.

(NGZ)
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