Dormagen: Sportinternat Knechtsteden holt Preis bei Enke-Stiftung

Wegen sportpsychologischen Sprechstunde : Sportinternat Knechtsteden holt Preis der Enke-Stiftung

Das Sportinternat des Norbert-Gymnasiums hat beim Förderpreis der Robert-Enke-Stiftung zur „Seelischen Gesundheit im Nachwuchs-Leistungssport“ Platz drei belegt. Bayern-Präsident Uli Hoeneß stockt Preisgeld auf 10.000 Euro auf.

Sichtlich bewegt zeigte sich Henning Heinrichs von der Veranstaltung der Robert-Enke-Stiftung in Hannover. Im Theater am Aegi ging es nicht nur um die Verleihung des Förderpreises der Stiftung zur „Seelischen Gesundheit im Nachwuchs-Leistungssport“, bei der der Leiter des Sportinternats Knechtsteden den dritten Preis entgegennehmen konnte. Es wurde auch ein eindrucksvolles Preview des NDR-Films über Robert Enke gezeigt. Der ehemalige Torwart der deutschen Fußball-Nationalmannschaft hatte sich vor zehn Jahren das Leben genommen. Es ging zudem in einer Podiumsdiskussion, an der auch Bayern-Präsident Uli Hoeneß und die Enke-Witwe Teresa teilnahm, um das schwierige Thema Depression.

Spätestens seit dem Selbstmord des Bundesliga-Profis von Hannover 96 ist das Thema Depression viel stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Mit dem Förderpreis will die Stiftung für dieses Thema sensibilisieren und die Bedeutung auch für den Nachwuchs-Leistungsbereich herausstellen. Zur Teilnahme aufgefordert waren alle Olympia-Stützpunkte, Nachwuchsleistungszentren (vor allem die der Fußball-Bundesligisten) und Sportinternate. Sieger wurde der Olympiastützpunkt Berlin vor dem Nachwuchs-Leistungszentrum der TSG Hoffenheim. Letztere sowie das NGK-Sportinternat hatten am Ende der Veranstaltung noch ein besonderes Erlebnis: Hinter der Bühne wurden deren Vertreter von Uli Hoeneß, Präsident des FC Bayern München, angesprochen. Er versprach, die Preisgelder von 5000 bzw 2500 Euro auf die Höhe der Siegerprämie von 10.000 Euro aufzustocken. „Eine überraschende und sehr schöne Geste“, so Henning Heinrichs.

Für die Verantwortlichen in Knechtsteden war direkt klar, dass sich das Sportinternat mit seiner „Sportpsychologischen Sprechstunde“ bewerben würde, die es seit 2016 gibt. In Zusammenarbeit mit „MentalTalent“, einer seit 2007 am Sportpsychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule Köln bestehenden Initiative, wurde diese Sprechstunde entwickelt. „Wir sind damals zu der Überzeugung gekommen, dass wir für den Bereich der seelischen Gesundheit ein niederschwelliges Angebot benötigen“, sagt Heinrichs. Ohne langen zeitlichen Vorlauf, ohne Anträge. Einmal im Monat kommt eine Psychologin nach Knechtsteden, wo sie in 20 Minuten-Blöcken mit Nachwuchssportlern spricht. „Es geht dabei nicht zwingend um Depression“, erklärt Heinrichs. „Jeder kann dort hingehen, der zum Beispiel sein sportliches Potenzial nicht voll abrufen kann. Der Handballer, der bei Tempogegenstößen dauernd verwirft. Die Fechterin, die Angst vor dem letzten, entscheidenden Treffer hat. Die Sportler, die Angst vor dem Wettkampf haben oder ganz einfach Heimweh.“ Um was es jeweils ganz genau geht, davon erfahren die Leitungskräfte des Internats nichts. Jedem neuen Bewohner des Sportinternats wird zumindest ein Gespräch mit der Sportpsychologin „dringend ans Herz gelegt“. Eine anonyme Evaluierung habe sehr positive Ergebnisse erbracht. Seit diesem Schuljahr wurde diese „Sprechstunde“ auch für Athleten von umliegenden Stützpunkten geöffnet.

Stolz: Henning Heinrichs mit dem Kunststoff-Kubus. Foto: Heinrichs

Dass das Sportinternat unter renommierten Mitbewerbern zu den Preisträgern gehört, hat offenbar auch mit einer mutigen Bewerbung zu tun: Die Frage der Stiftung, welche Bedeutung eine zu gewinnende Prämie für das Projekt habe, beantwortete Heinrichs mit „keine“. Denn dieses Projekt wird von der Sportstiftung NRW finanziert. „Wir haben erklärt, dass es uns um die Symbolkraft geht, wenn wir unter die ersten Drei kämen.“ Zudem ergänzte er die Bewerbung gleich um eine ungewöhnliche Idee für ein in der Form noch nicht vorhandenes Projekt, das man mit der Mindestprämie von 2500 Euro (Platz drei) verwirklichen könnte: ein „Resilienz-Training“ für zwölf bis 15 Jahre alte, hoffnungsvolle Nachwuchssportler. Damit ist die Stärkung der seelischen Widerstandsfähigkeit gemeint. In der Reihe von Faktoren, die bei der Begegnung und Überwindung von Depression eine Rolle spiele, steht auch Resilienz. „Für viele Jugendlichen in diesem Alter sind ein erhöhtes Training und eine anspruchsvoller werdende Schule oft eine zu große Belastung. Zu dem Ballast, von dem sie sich trennen, gehört leider zu oft der Sport.“ Weil Resilienz beeinflussbar, trainierbar sei, könnten junge Nachwuchssportler mit einem entsprechenden Konzept so gestärkt werden, dass sie eine duale Sport-/Schulkarriere gut schaffen.

Dieser Ansatz aus „Sprechstunde“, wenn Probleme vorhanden sind, und Präventivmaßnahme überzeugte nicht nur die Jury der Stiftung, sondern auch das Sportamt des Rhein-Kreises Neuss, das das Sportinternat gerne als Partner für dieses Projekt haben möchte. Heinrichs hofft zudem auf die Zustimmung der verantwortlichen politischen Gremien im Kreis. Er möchte in 2020 starten und wieder mit „MentalTalent“ zusammenarbeiten. Gedacht ist an eine Gruppe von 40 Jugendlichen, die sich bewerben können. In je acht Teilnehmer großen Gruppen wird dann – in der Sporthalle – an der seelischen Widerstandsfähigkeit gearbeitet. Vorher soll es einen Workshop für die Eltern geben: „Es gibt Untersuchungen, wonach die Leistungen der Jugendlichen deutlich besser sind, wenn ihr Umfeld miteinbezogen wird.“

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