Dormagen: Mehrgenerationen-Wohnen "Nawodo" startet in Nievenheim

Projekt Nawodo: Mehrgenerationen-Wohnen startet

Nach über sechs Jahren Planungszeit wird am Wochenende die erste Wohnung in Nievenheim bezogen. Beim genossenschaftlichen Mehrgenerationen-Projekt „Nawodo“ sind 23 Parteien dabei. Die Altersmischung ist groß.

Am Wochenende wird die erste Wohnung bezogen. Das wird ein ganz besonderer Moment werden für ein außergewöhnliches Projekt: Vor sechs Jahren ist die Idee für ein Mehrgenerationenwohnen entstanden, 23 Familien gehen diesen Schritt und freuen sich auf ihr neues Zuhause, das im Baugebiet Nievenheim IV entsteht. Sie alle sind Mitglieder der dafür eigens gegründeten Genossenschaft. Das Projektvolumen beträgt an die sechs Millionen Euro. Anfang des kommenden Jahres sollen 52 Menschen unter der Adresse „Latoursgarten 1-9“ erreichbar sein, Nummer 53 ist bereits unterwegs und kommt Ostern zur Welt.

Johannes Thönneßen steht in der Drei-Zimmer-Wohnung und staunt: „Es ist kaum zu glauben, dass hier am Wochenende ein Einzug ist.“ Im künftigen Wohnzimmer steht ein sehr großer, stabiler Metalltisch, auf dem alle möglichen Werkzeuge für den Innenausbau einer Wohnung zu finden sind. „Die gehören nicht den Handwerkern“, erklärt Thönneßen, „sondern der junge Mann, der hier mit seiner Frau einzieht, macht alles selbst.“ Thönneßen gehört nicht zu den Gründungsväter von „Nawodo“, das für Nachbarschaftliches Wohnen Dormagen steht und 2012 von Hans Schürmann initiiert wurde (der heute nicht mehr dabei ist), er kam erst etwas später hinzu und ist die Nawodo-Stimme in der Öffentlichkeit. Denn die Aufmerksamkeit für dieses Projekt ist groß: Seit Jahren durch die regelmäßigen Informationsveranstaltungen, bei denen für dieses Konzept geworben und Interessenten gesucht wurden, in der unmittelbaren Nachbarschaft, aber auch in der Region. „Wir bekommen auch Besuch aus der Region, weil man sich unser Projekt und Konzept anschauen will.“

Mitinitiator Johannes Thönneßen (r.) mit Architekt Bodo Frömgen. Foto: Klaus d. Schumilas kds/Klaus D. Schumilas kds

Nicht ganz einfach (anonyme) Nachbarn sein, sondern die Gemeinschaft, das Für- und Miteinander erleben und leben - der Grundgedanke ist nicht neu und wird an vielen Stellen in Deutschland in unterschiedlichen Wohnprojekten verfolgt. Jedes Konzept hat seine Besonderheiten. Auch das von Nawodo. Es basiert auf dem genossenschaftlichen Gedanken und auf Solidarität. Wer mitmachen und am Latoursgarten ein neues Zuhause finden will, muss Mitglied der Genossenschaft werden. Dazu ist eine finanzielle Einlage notwendig in Höhe von 600 Euro pro Quadratmeter der Wohnung, für die sich die Interessenten bewerben. „Dieses Kapital von gut eine Million Euro ist die Basis, um Kredite für die Projektfinanzierung zu erhalten“, erklärt Thönneßen. Was einfach klingt, war in der Entstehung kompliziert. „Es gab viele Treffen, Diskussionen unter allen Mitgliedern und in den Arbeitsgruppen.“ Für manche Interessenten war es keine leichte Entscheidung bzw auch der Grund für einen Rückzieher, Geld zu investieren, ohne zu wissen, ob das Projekt auch funktioniert. Daher schwankte die Zahl derer, die einsteigen wollten, immer wieder. Um einen Kredit zu bewilligen forderte die Bank 18 Parteien, die mitmachen.

Die Tiefgarage bietet reichlich Platz - dabei soll auch Car-Sharing mal ein Thema bei Nawodo werden. Foto: Klaus d. Schumilas kds/Klaus D. Schumilas kds
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Das Genossenschafts-Gesetz sieht einen Vorstand sowie einen Aufsichtsrat vor. „Beides haben wir, aber es ist nicht so, dass in diesen Gremien die wichtigen Entscheidungen abschließend getroffen werden“, erklärt Thönneßen. „Es herrschte vielmehr die Meinung, dass alle Mitglieder über wichtige Grundsatzfragen bestimmen sollen.“ Zwischenzeitlich wurde sogar auch ein externer Mediator verpflichtet. Kein Konfliktpotenzial barg hingegen die Aufnahme neuer Mitglieder (und künftiger Nachbarn), „das war nie streitig“). Heute sind es 23 Parteien - in der 24\. Wohnung werden Gemeinschaftsräume mit Küche und Bad eingerichtet - die Altersspanne liegt bei den Erwachsenen zwischen 26 und 85\. Die Nachfrage war immer da, „der Standort ist aufgrund des S-Bahn-Anschlusses sehr beliebt“.

Im Gemeinschaftskeller lagern Toilettenschüsseln und Waschbecken. Foto: Klaus d. Schumilas kds/Klaus D. Schumilas kds

Eine wichtige Rolle, das betonen Thönneßen und Architekt Bodo Frömgen, der mit seiner Frau das Büro „Alte Windkunst“ in Herzogenrath betreibt und viel Erfahrung mit solchen Projekten hat, war die Unterstützung durch die Stadt. „Sie hat uns immer den Rücken gestärkt und uns dieses Grundstück reserviert.“ Wer über die Straße am alten Hallenbad in Richtung Neubaugebiet fährt und im Kreisverkehr die erste Ausfahrt nimmt, dem fällt das optisch ansprechende Gebäudeensemble auf der linken Seite sofort ins Auge. Lärchenholz und Klinker prägen die Fassade, die Anordnung ist so gewählt, dass es eine Öffnung gibt zur bald entstehenden Grünfläche und zum Kinderspielplatz, die mit zu dem Projekt gehören. „Über die Art der Fassade wurde lange diskutiert“, sagt Diplom-Psychologe Thönneßen. „Am Ende wurde nicht einfach eine Mehrheitsentscheidung getroffen. Es ging darum, eine Variante zu finden, bei der die wenigsten Bauchschmerzen haben.“

„Der Weg bis heute war ein schöner, aber auch anstrengender Prozess.“ Und der Psychologe weiß, dass im gelebten Alltag die nächsten Probleme und Tücken des Konzepts „gemeinsam leben“ warten. „Das  wird die nächste Herausforderung.“

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