Dormagen: Abiturienten Lewhat Tadesse Tekle aus Äthiopien erhält Migrantenstipendium

Schülerin aus Dormagen : Äthiopierin hat nach dem Abi große Pläne

Lewhat Tadesse Tekle kam erst mit 13 Jahren nach Dormagen. Jetzt hat sie Abi und Stipendium und will studieren.

Mathe war schon immer ihr Lieblingsfach. Aber auch Deutsch hat Lehwhat Tadesse Tekle als einen ihrer Leistungskurse gewählt – und das, obwohl sie erst seit wenigen Jahren in Deutschland lebt. Ihr Abitur hat sie außerdem kürzlich mit einer glatten 2,0 abgeschlossen. Nun möchte die gebürtige Äthiopierin Wirtschaftsingenieurwesen studieren und träumt davon, später einmal ein eigenes Unternehmen aufzubauen. Der Rhein-Kreis Neuss unterstützt die Abiturientin mit einem Migrantenstipendium.

Mit 13 Jahren kam Lewhat Tadesse Tekle nach Dormagen. Da lebte ihre Mutter bereits ein Jahr dort. „Am Anfang war alles ungewohnt, die Menschen und die Kultur waren fremd, ich kannte niemanden“, sagt sie. Aber das hat sich schnell geändert. Lewhat Tadesse Tekle besuchte zunächst die Realschule. „Dort wurde mir sehr viel Hilfe angeboten, sowohl im Förderunterricht, als auch von den Mitschülern“, sagt sie. Ihre Klassenkameraden seien beispielsweise mit ihr durch das Schulgebäude gelaufen und hätten ihr gezeigt, wie man die Uhr liest oder wie bestimmte Gegenstände heißen.

„Meine Mutter war auch sehr hartnäckig, dass ich schnell die Sprache lerne“, sagt die Abiturientin. „Schon an meinem ersten Tag musste ich um sechs Uhr aufstehen, um zu lernen.“ Neben den Förderkursen hat sie  Zeitungsartikel abgeschrieben, deutsche Kindersendungen geschaut und einfache Bücher gelesen. Einmal die Woche hat sie außerdem die Multikulturelle Mädchengruppe besucht, bei der sie Nachhilfe bekommen und mit anderen etwas unternommen hat. „Auch dort habe ich viel gelernt.“

Damals war ihr Ziel noch, die Realschule gut abzuschließen, und eine Ausbildung als Krankenschwester zu beginnen. „Meine Mutter hat immer gesagt, dass sie zufrieden ist, wenn ich  das schaffe“, sagt Lewhat Tadesse Tekle. „Aber nach der zehnten Klasse habe ich mich gefragt: Warum soll ich hier aufhören? Andere machen doch auch weiter. Außerdem wollte ich schon immer etwas mit Wirtschaft machen.“

Nach dem Realschulabschluss wechselte Lewhat Tadesse Tekle deshalb auf das Bettina-von-Armin-Gymnasium. „Als ich dort ankam, war ich für alle ganz normal – nicht die Neue. Keiner kannte meine Geschichte. Die Leute konnten sogar gar nicht glauben, dass ich erst seit kurzem in Deutschland bin“, sagt die Abiturientin.

Ihre Begeisterung für Mathe und Wirtschaft hat sie von ihrer Tante aus Äthiopien, bei der sie aufgewachsen ist. „Sie ist Mathelehrerin, und ich wollte schon damals Klausuren mit ihr zusammen korrigieren.“ Deutsch hat sie als zweiten Leistungskurs gewählt, um sich selbst herauszufordern und noch besser in der Sprache zu werden. Außerhalb der Schule betreut sie zudem Senioren im Seniorenzentrum Markuskirche.

Ihre beruflichen Ziele unterstützt der Rhein-Kreis Neuss mit einer finanziellen Förderung durch das Migranten-Stipendium. Ab Oktober studiert sie Wirtschaftsingenieurwesen an der Europäischen Fachhochschule Brühl. „Das Studium habe ich gewählt, weil es Wirtschaft und Technik vereint.“  Für die Zukunft kann sie sich vorstellen, sich möglicherweise irgendwann selbstständig zu machen. „Mir später etwas Eigenes aufzubauen, fände ich toll“, sagt sie. Bevor das Studium beginnt, reist sie aber noch einmal für vier Wochen zu Freunden und Familie nach Äthiopien. „Darauf freue ich mich sehr.“

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