Diskussion um Straßennamen Langemarkstraße in Dormagen – erinnert der Name an Selbstopfer der deutschen Jugend?

Dormagen · Der Name der Langemarkstraße in Dormagen geht auf einen alten Mythos zurück. Warum der Name kritisch anzusehen ist und an was er erinnert.

In Dormagen in der Innenstadt gibt es eine Langemarkstraße.

In Dormagen in der Innenstadt gibt es eine Langemarkstraße.

Foto: Maxi Lemke

In Dormagen gab es eine Langemark-Schule und es gibt dort immer noch eine Langemarkstraße – dieser Name löste in der Vergangenheit Diskussionen aus. Im Rahmen der Reihe „Geschichte im Gewölbekeller“ beleuchtete Stephan Goebel, Direktor des Centre for the History of War, Media und Society an der Universität in Kent, die Bedeutung und den Umgang mit diesem Namen.

„1986 wurde das Nachrichtenmagazin Spiegel auf Dormagen aufmerksam. Unter der Überschrift ‚Letzter Seufzer‘ ging es darum, dass eine Schule wieder den Namen Langemark bekommen sollte“, sagte der Referent. Er ist eigens für den Vortrag aus Kent in England ins Rheinland angereist.

Damals löste der Artikel etwas aus, was man heute einen Shit-storm nennen würde. Goeben erklärte, warum Langemark so ein heikler Name ist: Landmark sei ein kleiner Ort in Flandern, der im Ersten Weltkrieg total zerstört wurde. Doch das ist nicht das Entscheidende: Am 11. November 1914 brachen Regimente mit jungen Männern bis in die erste Linie der feindlichen Stellungen vor. Sie sangen „Deutschland, Deutschland über alles“, während sie ins Verderben rannten.

Der Langemark-Mythos ist ein Mythos vom Selbstopfer der deutschen Jugend. Langemark wurde zur Geschichte des heldenhaften Scheiterns hochstilisiert. Die Langemarkstraße in Dormagen existiert seit 1934. Ernsthafte Diskussionen, diesen Namen zu ändern, habe es nicht gegeben – ganz im Gegensatz zu anderen Städten. „Dass junge Leute diesen Mythos begründet hatten, war es ein Mythos weg vom Elitären“, erklärte Goebel.

Er berichtete davon, dass die Langemarkstraße in Dortmund umbenannt wurde und dass Straßennamen-Änderungen in anderen Städten „auf die lange Bank geschoben“ wurden. In Mannheim wurde 1946 aus der Langemarkstraße die Karl-Marx-Straße. In Wuppertal lautete der geänderte Name Stresemannstraße und in Mönchengladbach ab 1947 Platz der Republik. Aus der Langemark-Schule in Dormagen war später die Hauptschule Dormagen-Mitte geworden.

Die Schlacht in Langemark war rückblickend ein völlig sinnloses Gemetzel. Goebel schlug einen neuen europäischen Erinnerungsdialog vor. Das Thema Langemark müsse in einen größeren Rahmen gestellt werden. Da sind nicht nur die jungen Deutschen, die singend ihrem Untergang entgegengingen, sondern da ist auch eine Stadt in Flandern, die ausgelöscht wurde. Als der Referent vorschlug, den 11. November als Gedenktag zu nutzen, zeigten sich die Zuhörerinnen und Zuhörer ein bisschen amüsiert: Stefan Goebel hatte außer Acht gelassen, dass dieser Termin ein wichtiger Tag im rheinischen Winterbrauchtum ist.

Dann kam noch eine längere Diskussion auf, befeuert von Vorschlägen, weitere Straßennamen zu ändern: „Martin Luther war ein Antisemit“, erklärte ein Besucher und auch Bismarck habe es nicht verdient, dass Straßen nach ihm benannt werden. „Wird in anderen Ländern auch über so etwas diskutiert?“, wollte eine ältere Dame wissen. „Um ganz sicher zu gehen, dass man nicht den Falschen damit ehrt, indem man eine Straße nach ihm benennt, sollte man Straßen nur noch Blumennamen geben“, regte ein Besucher leicht ironisch an.

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