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Professor Udo Steinbach: Die Türkei im Umbruch

Professor Udo Steinbach : Die Türkei im Umbruch

Jeder vierte Einwohner Hackenbroichs ist Ausländer, fast jeder fünfte türkischer Nationalität oder Herkunft. Viele sind Muslime, manchen fällt die Integration in ein christliches Umfeld immer noch sehr schwer. Der Verein "Aktiv für Hackenbroich", der sich unter anderem den deutsch-türkischen Dialog auf die Fahnen geschrieben hat, startete jetzt die Veranstaltungsreihe "Brücken schlagen".

Für die vielversprechende Auftaktveranstaltung in der Schule am Chorbusch hatte der Verein Prof. Udo Steinbach, Leiter des Orient-Institutes in Hamburg, gewinnen können, der in Hackenbroich zur politischen Entwicklung der Türken "Vom Osmanischen Reich zur Türkischen Republik" referierte.

Für musikalische Unterhaltung sorgte die Gruppe um Gündüz Serifsoy, Ibrahim Simitcioglu, Münir Celik und Levent Kurtbogan. Anhand des geplanten EU-Beitritts und der aktuellen politischen Situation im nahen Osten verdeutlichte Prof. Steinbach den rasanten innenpolitischen Wandel der Türkei in den vergangenen drei bis fünf Jahren.

Die Aufnahme des Landes in die Europäische Union und damit auch die Integration der Türken in Deutschland hängt laut Steinbach wesentlich davon ab, inwieweit es der Türkei in Zukunft gelingt, einerseits demokratisch zu werden und weiter auf Europa zuzugehen, gleichzeitig jedoch ein islamischer Staat zu bleiben und der eigenen Kultur Rechnung zu tragen.

"Der Weg als islamisches Land europäisch zu werden, hat viele Feinde", so Steinbach und verwies auf die Terroranschläge. Derzeit sei die Türkei auf einem guten Weg, analysierte der Experte: Die Abschaffung der Todesstrafe, der Rücktritt des Militärs hinter das Parlament und die Anerkennung der kurdischen Sprache schätzte er als außerordentliche innenpolitische Leistungen ein.

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Steinbach machte jedoch gleichzeitig deutlich, dass es bis zur vollständigen Implementierung der neuen Gesetze noch ein weiter Weg sei. Nach Ansicht des Wissenschaftlers gibt es für die Türkei jedoch keine Alternative zu Europa. Umso fataler wäre es, wenn im Herbst eine Ablehnung der geplanten Beitrittsverhandlungen beschlossen würde. "Die Türkei hat in die Perspektive Europa gewaltig investiert", so Steinnbach. Eine Zurückweisung würde nicht nur große Enttäuschung in der Bevölkerung hervorrufen, sondern auch zu innenpolitischer Instabilität führen, erklärte er.

"Das Militär ist nur zähneknirschend zurückgetreten. Was passiert, wenn es wieder an die alte Macht drängt?" Zahlreiche Fragen mussten in dem Vortrag und der Diskussion offen bleiben. Steinbach hatte sichtlich Schwierigkeiten, dem komplexen Thema in so kurzer Zeit gerecht zu werden. Er lieferte aber wichtige Denkanstöße und Diskussionsansätze. feh

(NGZ)