Dormagen: Die neue Macht der Bürger

Dormagen : Die neue Macht der Bürger

CO-Pipeline, Wuppermetall, Kohnacker – immer mehr Bürger formieren sich, um gegen industrielle Projekte auf die Straße zu gehen. Ist die Machtzunahme der Bürger überfällig, oder blockiert sie die wirtschaftliche Entwicklung?

CO-Pipeline, Wuppermetall, Kohnacker — immer mehr Bürger formieren sich, um gegen industrielle Projekte auf die Straße zu gehen. Ist die Machtzunahme der Bürger überfällig, oder blockiert sie die wirtschaftliche Entwicklung?

Erika Abczynskis (63) Kampf gegen Bayer dauert schon seit Ewigkeiten an. Die Kinderärztin im Ruhestand engagierte sich schon in der Studentenbewegung politisch. "Ich bin eine 68er", sagt sie. Seit sie der Initiative "Coordination gegen Bayer-Gefahren" angehört, fokussiert sich ihr Proteste gegen chemische Großprojekte. "Wer sich mit dem Konzern genauer beschäftigt, stößt auf Dinge, die einem nicht gefallen", sagt Abczynski. Die Dormagenerin hat sich auch den über 100 Kinderärzten angeschlossen, die vor dem Bau der CO-Pipeline zwischen Dormagen und Uerdingen warnen.

Der Protest gegen die Kohlenmonoxidröhre ist aber nur ein Beispiel für einen neuen Bürgerprotest. Bundesweit gehen die Menschen gegen Atomkraft und das Bahnprojekt Stuttgart 21 auf die Straße, und auch vor Ort opponieren sie gegen wirtschaftliche Projekte: Protestiert wird gegen die Wiederinbetriebnahme der Aluminiumfabrik Wuppermetall, gegen das Gewerbegebiet "Am Kohnacker", auch der Bau der Dämmstofffabrik in der Nähe des Gastanks in Delrath wird kritische beäugt. Bürgermeister Peter-Olaf Hoffmann glaubt, dass Bürgerinitiativen auch aufgrund ihrer Präsenz in den Medien stärker wahrgenommen würden. Er meint: "Viele Leute interessieren sich für wirtschaftliche Vorhaben so lange nicht, bis die Bagger anrollen und sie selbst betroffen sind."

Hoffmann fürchtet, dass sich eine Technikfeindlichkeit entwickeln könnte. "Eine solche Zukunftsblockade wäre sehr gefährlich", so der Bürgermeister. Dr. Dieter Porschen, Hauptgeschäftsführer der IHK Mittlerer Niederrhein, meint, dass auch Mammutprozesse vor einem Vorhaben Teil des Problems sind: "Ich glaube, dass die Zunahme bei den Bürgerprotesten zusammenhängt mit der Länge der Planungsverfahren." Oft vergingen zwischen der Planungsphase und dem Baubeginn zehn Jahre. "Dann haben viele vergessen, was die Bürger zu Beginn gesagt haben", so Porschen.

Doch kritisiert der IHK-Mann auch die Politik. "Es kann nicht sein, dass parlamentarische Entscheidungen hinterher in Zweifel gezogen werden", sagt Porschen, und: "Wenn ein Projekt demokratisch beschlossen wird, dann sollte es auch durchgezogen werden." Auch müssten die Unternehmen an ihrer Kommunikation arbeiten.

Die ist in der Tat oftmals zurückhaltend. "Wir haben von Beginn an die Pläne offen kommuniziert und den Dialog gesucht", sagt ein Bayersprecher, auf die Kommunikation für die CO-Pipeline angesprochen. Vielmehr möchte man lieber nicht sagen. Erika Abczynski jedenfalls will weiter gegen die Röhre protestieren. "Ich habe die Hoffnung", sagt sie, "dass das Projekt auf Eis gelegt wird."

(NGZ)
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