Dormagen: Die Kinder vom Raphaelshaus

Dormagen: Die Kinder vom Raphaelshaus

Nach den Missbrauchsvorwürfen gegen einen Mitarbeiter des Raphaelshauses Mitte der 60er Jahre stellt sich die Frage: Könnte das heute vorkommen? Zwei Jugendliche berichten, wie sie die Einrichtung erleben.

Wäre Sebastian 40 Jahre früher geboren worden, vielleicht hätte er im Raphaelshaus dasselbe Martyrium aus Gewalt und Missbrauch erleiden müssen, von dem jüngst ein ehemaliger Bewohner der katholischen Einrichtung berichtet hat. Mitte der 60er Jahre soll ein Mitarbeiter des Raphaelshauses ihn und weitere Jungen seiner Gruppe systematisch missbraucht haben. Zudem sollen Ordensschwestern Jugendliche zum Essen ihres eigenen Erbrochenen gezwungen haben. Grauenhafte Verbrechen an Schutzbefohlenen des Raphaelshauses, wie der 14-jährige Sebastian heute einer ist. Was hat sich in den 40 Jahren geändert?

Sebastian, 14 Das Datum, an dem Sebastian ins Raphaelshaus gekommen ist, hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt: der 14. Januar 2008. Zwei Jahre lang war er in der Intensiv-Gruppe der Einrichtung untergebracht, in der schwere Fälle betreut werden. Jedem Jugendlichen ist dort ein Erzieher zugeordnet. "Ich hatte Probleme mit meiner Sexualität", sagt Sebastian heute. Es dauerte ein Jahr, bis er das erkannte und sich anschickte, sein Leben zu ändern. Dass ist vor allem den Pädagogen im Raphaelshaus zu verdanken, die ihn, wie Sebastian erzählt, auch schon mal mit barschen Worten klar machten, dass sein Lebensweg auf dem Spiel stehe. Harte Worte: ja; Gewalt: nein.

Natascha, 15 Ab und zu fragt sich Natascha schon: "Was soll ich hier eigentlich im Raphaelshaus? Was wollen die Erzieher von mir?" Und doch hält sie sich an die Vereinbarung, jeden Konflikt in der Gruppe anzusprechen. "Einmal hatte ein Mädchen andere bestohlen — das habe ich gesagt und dank der Erzieher hat das Mädchen es dann gelassen", berichtet sie. So entsteht Vertrauen zu den Pädagogen. Die Jugendlichen merken, sie werden ernst genommen. Was Natascha getan hat, mag von anderen Jugendlichen vielleicht als "petzen" wahrgenommen werden. Doch das sei es nicht, sagt Raphaelshaus-Leiter Hans Scholten. "Sie hat damit Verantwortung dem Haus und dem Mädchen gegenüber übernommen." Hätte Natascha geschwiegen, hätte leicht ein Kartell des Schweigens entstehen können - jenes Umfeld also, in dem auch Missbrauchsfälle unentdeckt bleiben können.

  • Dormagen : Hinweise auf Täter im Raphaelshaus

Hans Scholten weiß, dass sein Haus besonders gefährdet ist. Jugendeinrichtungen ziehen nunmal pädophile Menschen an. Diese Leute werden sich "wahrscheinlich nicht im Altenheim bewerben", schrieb er jetzt in einem persönlichen Brief an die Mitarbeiter. Deshalb wird direkt beim Bewerbungsgespräch mit den potenziellen Mitarbeitern über das Thema gesprochen. Auch die ständige Überprüfung durch externe Stellen soll verhindern, dass es zu Grenzüberschreitungen von Erziehern kommt.

Seit kurzem ist Sebastian in einer neuen, nicht so intensiv betreuten Gruppe untergebracht. Doch er hat noch Kontakt zu seinem ehemaligen Erzieher. Zu dem, weiß er, könne er jederzeit kommen, wenn ihm etwas in der neuen Gruppe widerfahre. "Ich habe einen Joker zum Ausheulen im Ärmel."

(NGZ)
Mehr von RP ONLINE