Mit nagelneuen Drahteseln Richtung Frankreich: Deutsch-französische Vergangenheit "erradeln"

Mit nagelneuen Drahteseln Richtung Frankreich : Deutsch-französische Vergangenheit "erradeln"

Strahlende Sonne und niegelnagelneue Fahrräder - gute Voraussetzungen für die Friedensmission, zu der Kids aus dem Raphaelshaus am Freitag aufgebrochen sind.

Unter dem Motto "Durch gemeinsame Geschichte dem Frieden verpflichtet" treten nun 17 Mädchen und Jungen gemeinsam mit fünf Pädagogen die gesamten Osterferien kräftig in die Pedale. Sie "erradeln" nämlich die deutsch-französische Vergangenheit, besuchen die Erinnerungsstätten der beiden Weltkriege in Frankreich. "Die Tour hat sehr aktuellen Anlass", erklärt Hans Scholten, Leiter des Raphaelshauses. "Diese Friedenstour geschieht unter dem Eindruck des Krieges im Irak und soll an die furchtbaren Erfahrungen des ,alten Europas" und an die sinnlos geopferten Menschenleben erinnern."

Und er wird noch deutlicher: "Skepsis gegenüber schnellen Kriegserklärungen ist angebracht. Franzosen und Deutsche waren früher ,Erbfeinde" - und sind heute enge Freunde." Verdun - die Franzosen bezeichnen ihre Stadt noch heute als die Blutpumpe Frankreichs. "Während des Stellungskrieges im Ersten Weltkrieg haben sich dort Deutsche und Franzosen zerfleischt, allein an diesem Ort hat es eine Millionen Tote gegeben", erinnert Scholten.

Wer mit dem Fahrrad die Wege rund um Verdun und den anderen Kriegsorten entlang fährt, trifft auf unzählige Soldatengräber, Museen, Gedenkstätten. Genau diese aufzusuchen, ist Absicht der Kinder vom Raphaelshaus. Staubtrockene und stinklangweilige Museumsbesuche braucht keiner zu befürchten. Dafür wird Scholten sorgen. Denn es kommt dem Pädagogen vor allem darauf an, dass die Erinnerungsstätten nicht nur eine nach der anderen "abgeklappert" werden. Es geht ihm vielmehr darum, Geschichte hautnah zu vermitteln.

"Wir reden viel mit den Kindern, machen die Dinge plastisch: Wenn man klar macht, dass viele der Getöteten auch im Alter zwischen zwölf und 16 Jahren waren, kommen unsere jungen Radler ans Nachdenken: ,Mensch, die waren ja genau so alt wie wir"". Die Radtour wird chronologisch den Verlauf der Geschichte nachzeichnen. Zunächst wird Richtung Sedan gefahren, der Erinnerungsstätte an den Krieg 1870/71. Danach fährt die Gruppe Richtung Süden, um in Verdun das Sinnbild der sinnlosen und menschenverachtenden Feindschaft im ersten Weltkrieg zu besichtigen.

"Unsere neue Fahrradflotte, die durch Freunde und Förderer des Raphaelshauses möglich wurde, wird dann die Schlachtfelder der Marne passieren, um schließlich ihr Ziel, den Vercors, anzusteuern", erklärt Hans Scholten. Der Vercors ist ein kleines Gebirge südlich von Grenoble, in dem die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg ein Massaker unter den Angehörigen der Resistance und der Zivilbevölkerung angerichtet hat. Dass die Tour nach Frankreich eine super Sache ist, hatte sich bei den Kids schon im Vorjahr herumgesprochen, als ebenfalls eine "Abordnung" des Raphaelshauses ins französische Nachbarland unterwegs war.

So gab es in diesem Jahr mehr Bewerber als Plätze; es musste eine Auswahl getroffen werden. "Klar, dass zunächst mal die körperliche Konstitution der Teilnehmer gut sein muss. So sind wir mit einer größeren Gruppe erst einmal 100 Kilometer im Bergischen Land geradelt", berichtet Scholten. Optimale Fitness wird besonders von Nöten sein, denn im Gegensatz zum Vorjahr ist die Truppe diesmal ohne Begleitauto unterwegs. Daher ist sämtliches Gepäck auf die Fahrräder verteilt worden.

Die Begeisterung bei der Abfahrt war jedenfalls unverkennbar - allein schon der neuen Räder wegen. Gelände taugliche Drahtesel, die auch eine Fahrt über spitze Steine oder matschige Lehmpisten ohne Probleme überstehen. Und es muss nicht an jeder Ecke befürchtet werden, dass eine Reparaturpause eingelegt werden muss - eine gute Basis für die Frankreich-Fahrt.

(NGZ)