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Dormagen: Der "Schatzgräber"

Dormagen : Der "Schatzgräber"

Beim vierten Dormagener NGZ-Talk nahm Hans Scholten, Leiter des Raphaelshauses, Platz auf dem blauen NGZ-Sofa. Er sprach mit Redaktionsleiter Ludger Baten über seinen Beruf, seine Wünsche und Hoffnungen, aber auch über seine Wut und das, was ihn tief beschämt.

Herr Scholten, seit 1987 leiten Sie das Raphaelshaus. Geboren und aufgewachsen sind Sie im Saarland. Wie kamen Sie nach Dormagen?

Hans Scholten Ich habe in Trier beim Diözesan-Caritasverband gearbeitet. Da sprach mich ein Heimleiter an und sagte: "Wir haben da in Dormagen eine Einrichtung. Die ist zwar fast bankrott, doch Du könntest das schaffen." Meine Frau und ich schauten uns das Raphaelshaus an. Das Gelände gefiel mir sofort. Außerdem packte mich der Ehrgeiz und schließlich war meine Frau als gebürtige Rheinländerin froh, sozusagen wieder nach Hause zu kommen. So war schnell klar: "Ja, wir gehen nach Dormagen."

Sie haben vor Ihrem Sozialpädagogik-Studium eine kaufmännische Lehre gemacht. Wann kam der Umschwung zur Pädagogik?

Scholten Recht schnell. Meine Eltern hatten zwei Tankstellen. Ich wusste schon früh, dass ich die nicht übernehmen wollte. Als Jugendlicher war ich begeistert von der katholischen Jugendarbeit, fuhr als Begleiter mit in internationale Ferienlager. Und so machte ich auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach und begann ein Studium. Bei meinem ersten Praktikum in einem Heim im Saarland machte ich jede Arbeit, die anfiel, und lernte so die Strukturen bestens kennen. Schnell merkte ich, dass ich die Welt nicht verändern kann, doch ich wollte versuchen, das, was mir anvertraut war, ein Stückchen zu verbessern.

Der Trägerverein des Raphaelhauses ist die Katholische Stiftung für Erziehungshilfe in der Rheinprovinz. Wie katholisch ist Ihr Haus?

Scholten Wir verlangen von unseren Mitarbeitern keine strenge katholische Ausrichtung, aber eine christliche Lebensorientierung. Unser Firmenschild ist allerdings das Kreuz. Doch wir missionieren keine Kinder. Wir sind für alle da.

Wer kommt zu Ihnen?

Scholten Kinder und Jugendliche mit Erziehungsschwierigkeiten, die gegen Regeln unserer Gesellschaft verstoßen haben oder Opfer von Regelverstößen wurden. Daher müssen Profis helfen und korrigieren. Wir sind jedoch kein Elternersatz, sondern eine Elternergänzung. Die Kinder sind bei uns zeitlich befristet, zwischen 2,5 bis zu vier Jahren.

Sie fangen also immer wieder von vorne an. Sind Sie so etwas wie ein Fahrlehrer?

Scholten Nein, denn unsere Begleitung ist nachhaltiger. Und das Schöne an unserer Arbeit ist: Wir sehen Erfolge. Wissen Sie, wir sind Schatzgräber und buddeln nach kleinen Goldkörnchen. Wenn wir es schaffen, die Kinder auf sich selbst stolz zu machen, Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten zu entwickeln, dann sind wir ein gutes Stück vorangekommen.

Dann ist es ein Glück, zu Ihnen zu kommen?

Scholten Nun ja, die Kinder sind bei uns, weil ihnen in ihrer Kindheit etwas genommen wurde. Viele sind an Leib und Seele nachhaltig geschädigt. Unsere umfangreichen Angebote helfen. Doch wir sind kein pädagogisches Phantasialand. Die Tierpädagogik zum Beispiel ist ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit. Unsere Pferde, Kamele, Lamas und Hunde geben den Kindern eine Vertrautheit, die sie so noch nie erfahren haben. Manche fühlen sich zum ersten Mal voll akzeptiert, ohne jede Einschränkung. Denn die Tiere haben keine Vorurteile.

Sie nennen die "Anlage Raphaelshaus" ein Dorf. Sind Sie der Bürgermeister?

Scholten Nein, denn ich werde ja nicht gewählt. Das entspannt — vor allem dann, wenn es um langfristige Entscheidungen geht, die wir in der Leitung entscheiden.

Haben Sie Kontakt zu Ehemaligen?

Scholten Ja, und ich unterteile da in zwei Gruppen. Zum einen diejenigen, die ich selbst erlebt habe. Und zum anderen diejenigen, die früher da waren und hier unter dem Deckmantel der katholischen Erziehung viel Leid erfahren mussten. Als ich zuerst davon hörte, war ich überzeugt, dass die Misshandlungen Einzelfälle waren. Doch ich wurde eines Besseren belehrt. Es gab Gruppen, in denen "schwarze" Pädagogik praktiziert wurde. Es gab Personen, die demütigend und entwürdigend mit Kindern umgegangen sind. Dafür schäme ich mich sehr. Es gab aber auch Personen und Gruppen, von denen Ehemalige als liebevolle Wegbegleiter sprechen. Ich habe mich bei den Betroffenen, die sich bei uns gemeldet haben, entschuldigt. Auch wenn ich damals noch nicht hier war, stehe ich in der Tradition des Hauses.

150 Zivis haben über die Jahre hinweg im Raphaelshaus gearbeitet. Diese Zeit ist nun vorbei. Was nun?

Scholten Ich bin böse, und zwar auf einen Politiker, der nicht bedacht hat, was die Aussetzung der Wehrpflicht und damit auch des Zivildienstes für gesellschaftspolitische Folgen haben wird. Den Bundesfreiwilligendienst halte ich für Quatsch und keinen Ausgleich für den Zivildienst. Ich bin überzeugt, dass Deutschland in Zukunft ein paar Grad kälter werden wird.

Was hat die Stadt Dormagen von Ihrer Einrichtung?

Scholten Das Raphaelshaus ist ein gutes Stück Dormagen. Wir stehen in einer wechselseitigen Geben- und Nehmen-Beziehung zueinander. So haben wir vor, eine Füllstation für Sandsäcke zur Sicherung unserer Deiche bei uns einzurichten.

Sie waren Gast bei Frank Plasberg, Künstler wie Otmar Alt und Horst Wackerbarth waren bei Ihnen. Der SPD- Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach hat bei Ihnen ein dreitägiges Praktikum gemacht. Wie wichtig ist Ihnen der Kontakt mit Prominenten?

Scholten Auch da geht es um ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Unsere Einrichtung muss ihre Arbeit transparent machen. Die Jungen und Mädchen fühlen sich durch die Aufmerksamkeit geehrt. Die Prominenten werden so zu heimlichen Bündnispartnern der Jugendhilfe. Andererseits machen sie selbst viele Erfahrungen.

Wann hat sich Ihre Arbeit gelohnt?

Scholten Wenn es uns gelingt, in stumpfe Kinderaugen ein Leuchten zu bringen, und wenn Jugendliche für sich eine aktive Lebens- und Berufsperspektive sehen.

Anneli Goebels fasste das Gespräch zusammen; Ludger Baten sprach mit Hans Scholten auf dem blauen NGZ-Sofa.

(NGZ)