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Dormagen: Der protestierende Pianist

Dormagen : Der protestierende Pianist

Vor 71 Jahren wüteten die Nazis in der Reichspogromnacht. Dietrich Lohffs Komposition "Das Requiem für einen polnischen Jungen", die in der Christuskirche aufgeführt wurde, handelt davon. Das Porträt eines Unangepassten.

Nievenheim Vor dem Unterricht zündet er sich noch eine "West" an, das graue Haar weht zerzaust im Wind, dann blickt Dietrich Lohff vielsagend über den Rand seiner Brille und sagt: "Die Zigarre ist das Vehikel der Arbeit." Das habe schon Bismarck gesagt.

Der Heidelberger Komponist, Jahrgang 1941, steht vor der Turnhalle der Gesamtschule in Nievenheim, gleich beginnt die dritte Stunde. Er soll dann vor einem Dutzend Schülern der Jahrgangsstufe elf über sein Werk "Das Requiem für einen polnischen Jungen" sprechen, das von der Judenverfolgung während der Reichspogromnacht handelt. Es ist das Thema seines Lebens, das geprägt ist vom Protest gegen Konventionen, von Fußball, vor allem aber von der Musik und dem Klavierspiel. Es beginnt in der Enge und dem Mief von Bobstadt, einem 600-Seelen-Kaff, in dem der Pfarrerssohn aufwächst.

Um 18 Uhr läutet die Betglocke

"Jeden Abend um 18 Uhr hat dort die Betglocke geläutet, dann musste man so tun, als ob man ein Gebet spricht", sagt Lohff. In der Schule bleibt er sitzen, wird auf ein Internat nach Heidelberg geschickt. Er blüht dort auf und wird zum Klassenprimus. Es ist die Zeit der 68er-Bewegung, Lohff verteilt Flugblätter gegen den Vietnam-Krieg, protestiert gegen den amerikanischen Imperialismus, läuft durch die Straßen und skandiert: "Ho-Ho-Ho Chi Minh!"

Dieter Lohff schaut ernst in die Runde, und es wird ziemlich deutlich, dass er immer noch nicht viel vom Kapitalismus hält. Musikalisch bricht der Heidelberger in neue Dimensionen vor. Er entdeckt Jimi Hendrix, Emerson, Lake & Palmer, King Crimson, Gentle Giant und Pink Floyd. Die Schüler blicken gebannt auf Dietrich Lohff, dessen CD sie im Unterricht besprochen haben und der dort vor ihnen an seinem Holztisch sitzt, sich Wasser in seinen "Zahnputzbecher" gießt. Es fällt ihm nicht schwer, die Schüler zu unterhalten, er war selbst mal Lehrer, hat Schulmusik studiert.

"Ich habe mich allerdings nie an den Lehrplan gehalten", sagt er. Das macht er auch heute nicht. Doch es ist ihm wichtig, den Blick der Schüler zu schärfen. Er zitiert aus dem Buch "An den Wind geschrieben", dessen Zeilen er für das Requiem verwendet hat: "Sieh, Herr, die Toten kommen zu Dir. Die wir geliebt sind allein und sehr weit. Nun müssen wir ihre Münder sein."

Es sind Worte, die an den Tag am Montag vor 71 Jahren erinnern sollen, als die Nazis in der Reichspogromnacht jüdische Geschäfte, Wohnungen und Friedhöfe zerstörten und schändeten. Es sei die einzige Komposition, die die Pogromnacht thematisiere, sagt Lohff, der das Werk vor elf Jahren schrieb. Er schaut, als könne er nicht verstehen, dass das so ist. Dabei empfehle er das Anwachsen von Wut.

Am Ende fragt Lohff die Schüler, welche Musik sie denn mögen? Culcha Candela, Marschmusik, Metallica — Metallica? Die hätten doch auch ihre Stücke von einem Orchester vertonen lassen, sagt Lohff und lächelt wissend. Er legt den Schülern ans Herz, in Pink Floyds "The Piper at the Gates of Dawn" reinzuhören. Niemand schaut, als werde er nach dem Unterricht die Platte aus dem Netz herunterladen. Doch die Blicke bleiben während der 90 Minuten nachdenklich. Und vielleicht ist das alles, was Dietrich Lohff erreichen wollte.

(RP)