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Interview mit Rafael Kazior und Hermann Harig: Das jüngste und das älteste Ratsmitglied

Interview mit Rafael Kazior und Hermann Harig : Das jüngste und das älteste Ratsmitglied

Zwei Politiker mit 50 Jahren Altersunterschied: Der eine hat ein CDU-Parteibuch, der andere das der Piraten. Ein Gespräch über das neue Klima im Ratssaal, über Beharrlichkeit und Erfahrung - und über das Verhältnis zur AfD.

Herr Harig, Sie sind mit 76 Jahren das älteste Ratsmitglied. Seit 1969 sitzen Sie ununterbrochen im Planungsausschuss. Hätten Sie damals an eine so lange politische Karriere gedacht?

Harig Ja, weil Stadtplanung und Straßenbau mir einfach Spaß machen. Es dürfte kaum jemanden geben, der sich in Planungsdingen besser auskennt als ich. Ich habe mal vor Jahren gesagt: Wenn mein großes Ziel verwirklicht wird, der sechsstreifige Ausbau der A 57 mit Lärmschutz, dann höre ich auf.

Was ist der größte Unterschied zu heute?

Harig Ach, in den politischen Beratungen sehe ich gar keinen großen Unterschied. Verändert haben sich die Zuständigkeiten und Gremien bei Verwaltung und Behörden.

Herr Kazior, Sie sind mit 26 Jahren das jüngste Mitglied im Stadtrat. Was ist Ihr Beweggrund, sich als junger Mensch ehrenamtlich im Rat zu engagieren?

Kazior Ich bin politisch aktiv geworden wegen der Pläne zur Internet-Zensur von Ursula von der Leyen. Die Piraten waren damals neu und unbekannt. Ich bin zwar jetzt das jüngste Ratsmitglied, aber sicher nicht so vermessen, dass ich den Anspruch vertrete, die Jugend zu vertreten.

Warum engagieren sich nicht mehr Jüngere?

Kazior Das liegt sicher an einer allgemeinen Politikverdrossenheit. Viele Bürger fühlen sich bei Entscheidungen nicht mitgenommen, da fehlt es an Transparenz. Würden andererseits Bürger zu Stammtischen und Versammlungen kommen, würden sie einen anderen Eindruck erhalten und sehen, dass ernsthaft diskutiert wird.

Was wollen Sie verändern und bewegen?

Kazior Mir ist ganz wichtig, Dormagen für Jüngere attraktiver zu gestalten. Ich höre von vielen, dass sie hier weg wollen, weil man in Dormagen nichts unternehmen kann.

Gibt es denn ein konkretes Projekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Kazior Wir legen im nächsten Rat einen Antrag vor, in dem wir kostenloses W-Lan in der Innenstadt fordern, mit Unterstützung der WSD, die das finanzieren soll. Dadurch würde die Attraktivität der Innenstadt deutlich steigen.

Herr Harig, welchen Ratschlag geben Sie als erfahrener Kommunalpolitiker Ihrem neuen Kollegen?

Harig Er sollte sich überall informieren und jede Zeitung lesen, die er bekommen kann. Dadurch erfährt man Dinge, die auch für Dormagen interessant wären.

Herr Kazior, können Sie damit etwas anfangen?

Kazior Wenn ich das nicht nur auf Zeitungen beziehe... Ich informiere mich schon gut aus Online-Medien. Und das Ratsinformationssystem hilft gut weiter. Ich verbringe zurzeit meine Freizeit damit, mich dort über zurückliegende Themen zu informieren. Über piratige Medien bekomme ich auch Anträge und Ideen von anderen mit.

Harig Wichtig ist auch Beharrlichkeit. 95 Prozent meiner Ideen wurden umgesetzt, das habe ich nachgerechnet, auch wenn es mal zehn Jahre gedauert hat.

Neuer SPD-Bürgermeister, veränderte Fraktionsgrößen und Machtverhältnisse, viele neue Gesichter. Wie haben Sie die letzte Ratssitzung erlebt?

Harig Man muss sich an die neue Situation gewöhnen. Der Bürgermeister kam gut an, der Kämmerer weniger.

Kazior Die Sitzungsleitung von Erik Lierenfeld kam bei mir gut an. Ich finde es interessant, dass es keine klaren Mehrheiten im Rat gibt. Dadurch ergeben sich interessante Konstellationen. Ich finde es einen guten Weg, über mehr inhaltliche Diskussionen zu Mehrheiten zu kommen, als wenn sie schon vorher feststehen.

Wie finden Sie die zu Beginn der Ratsperiode getroffene Vereinbarung der Fraktionen für ein pflegliches Miteinander?

Harig Das ist zu begrüßen. Ich selbst habe immer versucht, in Gesprächen mit den politischen Mitbewerbern bei Planungsthemen einen Konsens zu finden.

Kazior Ein respektvolles Miteinander ist die Voraussetzung dafür, dass man später eine gute Sachentscheidung treffen kann. Ich hätte eine solche Vereinbarung nicht gebraucht, aber offenbar war sie ja nötig.

Sind Sie für eine Zusammenarbeit auch mit der AfD?

Harig Ich habe kein Problem mit Markus Roßdeutscher. Ich habe ihm als Ratsneuling angeboten, dass er sich an mich wenden kann, wenn er Fragen hat.

Kazior Bundespolitisch habe ich Probleme mit der AfD. Im Wahlkampf haben wir gesagt, dass wir jeden Antrag objektiv betrachten, das gilt auch für Markus Roßdeutscher von der AfD, mit dem ich keine Probleme habe. Wir machen hier Lokal- und keine Bundespolitik. Eine Fraktion mit der AfD käme allerdings nicht in Frage.

Herr harig, wie schwer ist es jetzt, nicht in einer Koalition mit einer stabilen Mehrheit zu agieren? Sind Sie enttäuscht darüber?

Harig Es ist zwar schwieriger geworden, aber man kann für jedes Problem eine Lösung finden.

Herr Kazior, wären Sie eigentlich lieber in einer größeren Fraktion mit eingebunden? Und fühlen Sie sich wie ein klassischer Oppositionspolitiker?

Kazior Nein, ich sehe mich keineswegs so. In einer großen Fraktion entstehen mehr Ideen, wird die Arbeit auf mehr Schultern verteilt. Unser Ziel ist es, so gute Anträge zu stellen, dass man sie nicht ablehnen kann.

KLAUS D. SCHUMILAS FÜHRTE DAS GESPRÄCH

(NGZ)