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Dormagen: Das Erbe der Zuckerfabrik

Dormagen : Das Erbe der Zuckerfabrik

Wirtschaftliche Strahlkraft soll das Fachmarktzentrum bringen, dessen Bau an der Europastraße bald beginnen soll. Ein schwieriges Erbe: An gleicher Stelle prägte die Zuckerfabrik Jahrzehnte das Gesicht der Stadt. Ein Rückblick.

Hermann Claasen sieht nicht aus wie ein Spaßvogel. Die weißen Haare zur Bürste geschnitten, der Blick stechend – so führte der promovierte Chemiker die Zuckerfabrik seit dem Jahr 1888. Claasen hat seinen Job 42 Jahre lang gut gemacht. Seine Leistungen brachten ihm den Beinamen "Internationaler Zuckerpapst" ein. Später wurde er sogar der erste Ehrenbürger der Stadt Dormagen. "Die Geschichte der Zuckerfabrik geht allerdings bis auf die Franzosenzeit zurück", sagt Kreisarchivar Karl Emsbach.

Das Gelände an der Europastraße, auf dem schon bald der Grundstein für ein Fachmarktzentrum gelegt werden soll, war schon vor knapp 150 Jahren das wirtschaftliche Gesicht der Stadt. Die Rübenzuckerfabrik Dormagen, die noch unter der alten Firma vom Rath, Joest & Carstanjen gebaut worden war, fuhr ihre erste Kampagne bereits im Herbst 1864 ein. Die Bauern seien damals noch misstrauisch gewesen, sagt Emsbach. Sie hatten vorher nie Rüben für die Industrie angebaut. Und auch der Fiskus machte dem Betrieb genaue Vorgaben. "Die in Dormagen erbaute Rüben-Rohrzuckerfabrik ist auf eine tägliche Verarbeitung von etwa 2400 bis 2600 Zentner Rüben eingerichtet", beschrieb das Finanzamt den Geschäftsumfang. Es folgte eine genaue Beschreibung der Zuckergewinnung.

Was folgte, war ein Boom des süßen Saftes: Weitere Zuckerfabriken entstanden in Wevelinghoven und Elsen. Der Chemiker Claasen führte das Dormagener Werk auch verfahrenstechnisch an die Spitze, er führte zahlreiche Neuerungen ein. Im Jahr 1914 notierte er einen Investitionsaufwand von 1,4 Millionen Mark. Außerdem entstand eine Hefefabrik auf dem Gelände.

Nach dem ersten Weltkrieg hatte die Fabrik Mitte schließlich mit der Weltwirtschaftskrise und Strukturveränderung innerhalb der deutschen Zuckerindustrie zu kämpfen. Anfang 1931 wurde der "Rheinische Actien-Verein für Zuckerfabrikation" schließlich liquidiert. Im gleichen Jahr übernahm die Firma mit den Zuckerhüten im Logo die Fabrik: Pfeifer & Langen – die einige Jahre später auch im Zweiten Weltkrieg eine Rolle spielte. "Sehr viele Zwangsarbeiter waren dort beschäftigt", so Karl Emsbach. Als die Amerikaner 1945 in Dormagen einrückten, wurde die Fabrik von deutscher Artillerie beschossen. Das Werk versorgte schließlich mit seinen Generatoren den Ort mit Strom, der ausgefallen war. Einen Aufschwung erlebte die Fabrik noch einmal in den 50er und 60er Jahren; 1979 stellte die den eigentlichen Betrieb ein, Zucker wurde nicht mehr hergestellt. Das Gebäude diente noch als wissenschaftliche Einrichtung.

Im Juli 2008 wurde die Fabrik abgerissen. Die Bagger haben nichts übrig gelassen, nur ein Stück Dormagener Industriegeschichte.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Historische Luftbilder von Dormagen

(NGZ)