Dormagen: Cannabis als Medizin für ADHS-Kranken

Dormagen : Cannabis als Medizin für ADHS-Kranken

Als Kind ist der Dormagener Daniel Lutter an ADHS erkrankt. Als Jugendlicher erkannte er per Zufall, dass durch die Einnahme von Cannabis seine Beschwerden verschwinden. Für den Konsum besitzt er eine offizielle Erlaubnis.

Daniel Lutter ist nicht vom Leben begünstigt. Er leidet seit Kindesbeinen an einer Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, kurz ADHS. Diese psychische Störung bekämpft er auf eine seltene Art und Weise: mit dem Genuss von Cannabis. Nicht minder ungewöhnlich: Lutter besitzt die Erlaubnis der Bundesopiumstelle des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte für eine ärztlich begleitete Selbsttherapie mit der Hanfpflanze, die sowohl Rausch- als auch Arzneimittel ist. Er ist einer von nur rund 350 Menschen in Deutschland, die eine solche Genehmigung besitzen. "Und es gibt wohl nur etwa 25 andere mit dem gleichen Krankheitsbild." Das Problem: Seit November sind aufgrund eines Lieferengpasses des Lieferanten aus den Niederlanden keine Medizinalblüten in den deutschen Apotheken erhältlich.

Wer dem 27-Jährigen zufällig über den Weg läuft, vielleicht im Hit-Markt, wo er in der Obst- und Gemüseabteilung kräftig mit anpackt, dem wird an dem jungen Mann wenig auffallen. Zum Glück, meint Daniel Lutter. Denn noch vor gar nicht langer Zeit war das völlig anders: Sein Bewegungsablauf wirkte unruhig, der Blick flackerte, ruhig auf einem Platz sitzen war kaum möglich. Und es konnte durchaus passieren, von ihm aggressiv angegangen zu werden. "Ich hatte das Gefühl, ständig unter Strom zu stehen." Nachts fand er kaum in den Schlaf, "weil ich einfach nicht abschalten konnte". Das ist jetzt vorbei, dank Cannabis.

Im Kindergartenalter ist bei ihm ADHS diagnostiziert worden. "In der Schule war ich auffällig, der Klassenclown, der auch mal zuhaute." Viele Arztbesuche folgen, ebenso Ergo- und Verhaltenstherapien. Eine Besserung bringen sie ebenso wenig wie die Einnahme des bei ADHS gängigen Mittels Ritalin und später von anderen gängigen Standardsubstanzen. "Die Wirkungen waren einfach unzureichend und die Nebenwirkungen heftig", erzählt Lutter. Bei einem Urlaub mit Freunden in den Niederlanden vor rund zehn Jahren kommt er erstmals mit Cannabis in Kontakt. "Ich habe gespürt, dass es mir hilft. Endlich habe ich mich wie ein normaler Mensch gefühlt." Zu Hause konsumiert Lutter Cannabis weiter - illegal, "weil ich ja nicht wusste, dass es möglich ist, es mit meinem Krankheitsbild legal zu bekommen". Ohne dass es die Eltern wissen, ging er dazu über, den Hanf selbst anzubauen. Die erfahren erst durch eine Hausdurchsuchung der Polizei im Januar vergangenen Jahres vom Treiben ihres Sohnes.

Er soll zwei Jahre zuvor in zwei Fällen insgesamt 63 Gramm Cannabis gekauft haben - so der Vorwurf. Seit einem Jahr hat er nichts mehr von den Behörden gehört, denen inzwischen von einem Anwalt die Genehmigung der Bundesopiumstelle zugeleitet wurde. Die hält er seit Mitte Dezember in Händen und kann damit offiziell in einer Apotheke "Medizinalblüten" kaufen. Die ärztliche Bescheinigung erteilte Dr. Franjo Grotenhermen (Kreis Soest), ein international anerkannter Experte. Für ihn gehören ADHS oder auch Migräne zu den schweren Erkrankungen, die in der Bevölkerung unterschätzt werden, "weil man sie nicht sieht".

Cannabis werde nicht leichtfertig verschrieben, "es geht immer um eine Nutzen-Risiko-Abwägung". Für Apothekerin Antje Klomp ist Daniel Lutter mit seiner Geschichte ein "spezieller Fall". Dabei ist es für sie Alltag, dass Betäubungsmittel als starke Schmerzmittel vor allem für Krebspatienten über den Ladentisch gehen. Die Behandlung ist für Lutter ein teurer Spass, er rechnet mit monatlichen Kosten von rund 450 Euro. Die Frage, wie er die Zeit bis zur Lieferung der Hanfblüten überbrückt, bleibt unbeantwortet...

(NGZ)
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