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Anke Güsgen aus Dormagen: Mit Gedichten durch die Corona-Krise

Anke Güsgen aus Straberg : Mit Gedichten durch die Corona-Krise

Die Strabergerin Anke Güsgen schreibt Tagesgedichte rund um die Corona-Zeit und den Lockdown. Die Texte hat sie jetzt in zwei Büchern und in einem Podcast der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie treffen die Wirtschaft hart und stellen Betriebe sowie Einzelpersonen vor nie gekannte Herausforderungen. Krise – das bedeutet meist Verunsicherung, Existenzsorgen und hohe Belastungen für die Wirtschaft. „Wir leben in verrückten Zeiten“, sagt Anke Güsgen aus Straberg.

 Anke Güsgen aus Straberg schreibt Gedichte in der Corona-Krise, die sie auch via Podcast der Öffentlichkeit zugänglich macht.
Anke Güsgen aus Straberg schreibt Gedichte in der Corona-Krise, die sie auch via Podcast der Öffentlichkeit zugänglich macht. Foto: Georg Salzburg (salz)

Vielen ist sie bekannt durch ihre humorvollen Reimreden bei Frauensitzungen der kfd. „Wir haben am Neujahrstag den 55. Geburtstag einer Freundin gefeiert – wir werden alle in diesem Jahr 55. Und da haben wir noch gedacht: Was für ein besonderes Jahr.“ Kurz darauf gewann sie bei einem Preisausschreiben eines Radiosenders das „Goldene Karnevalsticket“ für den Kölner Karneval. „Vier Tage lang haben mein Mann und ich gefeiert – und kam kurz darauf der Lockdown.“

Als langjährige Sekretärin in einer Düsseldorfer Wirtschaftskanzlei habe sie dann die vorgelegte Null-Prozent-Kurzarbeiterregelung unterschrieben und ihre Energie und Zeit in kreatives Schaffen investiert: Am 24. März hat sie ihr erstes Gedicht geschrieben und es ihren Freundinnen als Sprachnachricht via WhatsApp geschickt. „Ich fasste Emotionen und Empfindungen ab da täglich in voller Bandbreite zusammen – die Resonanz war großartig“, sagt Güsgen.

„Guten Morgen, ihr Lieben – es folgt ein Corona-Gedicht“, begrüßt sie ihre Hörerinnen und beschreibt, wie sich die Natur erholt und wie die Vögel aufatmen. „Eine Freundin wollte die Gedichte später jemandem zeigen, der nicht digital unterwegs ist, so habe ich sie abgetippt und erst einmal gemerkt, wie viele es inzwischen geworden waren“, sagt sie. Dabei sei die Idee entstanden, die Texte im Selbstverlag zu veröffentlichen.

„Da meine Gedichte aber vom Vortrag leben, habe ich mich schlau gemacht und mit der Unterstützung zweier junger Profis einen Podcast gestartet. Ich hatte Zeit und habe mich intensiv damit beschäftigt“, berichtet Anke Güsgen. Täglich habe sie viel Feedback bekommen, Menschen teilten mit ihr ihre Wut, Ängste und Sorgen. „Ich fühle mich privilegiert, dass ich in diesen Zeiten das Verrückte in mir ausleben darf“, sagt sie.

Zuvor hat sie die Karnevalistinnen in Straberg erheitert, sich stark für „Unser Dorf hat Zukunft“ engagiert, ist ihrer Teilzeitstelle nachgegangen. „Man gibt sehr viel Energie. Da muss ich aufpassen – denn schnell werde ich zur Rampensau und stehe in der ersten Reihe“, sagt sie lachend. „Während Corona hatte ich Zeit und Muße, Freunden mein Ohr zu schenken. Ich konnte in meinen Gedichten das Positive hervorheben, Blickwinkel ändern, neue Perspektiven eröffnen und den alltäglichen Wahnsinn skizzieren.“

Mit ihren Tagesgedichten hat sie für den erlesenen Kreis, der jeden Morgen den Link zur aktuellen Podcast-Episode erhält, eine Art Abreißkalender der Neuzeit erstellt, in dem sie aktuelle Themen auf ihre ganz eigene Weise betrachtet und verarbeitet: Lockdown, Maskenpflicht, Eingesperrtsein, Senioren, Toilettenpapier, Friseurmangel und vieles andere, die sie in heiter-motivierender Art bearbeitet, um den Stress, die depressiven Verstimmungen und Belastungen der Corona-Zeit etwas erträglicher zu machen. „Die Gedichte wurden für mich und meine Hörer zu einer Art Überlebensmittel, so enden viele mit dem Aufruf: Weitermachen.“

Im Juli habe sie zudem für Freunde eine kleine Lesung im Freien in ihrem Garten abgehalten – mit nur acht Gästen und ausreichend Abstand, was sie letztendlich als „eine wunderbare Abwechslung“ erfahren habe. „Das alles war sehr befriedigend und aufregend, da ich in der glücklichen Lage bin, dass mein Mann die materiellen Einschränkungen überbrücken kann. Man weiß natürlich noch nicht, inwieweit dieser berufliche Ausstieg auf Zeit das Aus bedeuten kann“, berichtet Anke Güsgen.

Doch sie sagt auch: „Die derzeitige Lage im Leben mit Corona macht mich oft wütend, wenn die Menschen – ohne Masken, ohne Abstand – diese Situation mit Kassierern, Kellnern und so weiter diskutieren, die sich bemühen ihre Existenz im Rahmen der Verordnungen zu sichern. Statt deren Kreativität, Durchhaltewillen und Einsatz mit Respekt und Wertschätzung zu begegnen, weil nur dies eine gewisse Normalität ermöglicht, werden sie beschimpft und für die Frustrationen der allgemeinen Lage als Blitzableiter benutzt. Dies ist sehr unsolidarisch und respektlos.“

Für die Strabergerin Anke Güsgen steht fest: „Wir haben so hoch gedreht, höher ging es doch kaum noch. Sicher geht vieles den Bach runter, jedoch nur Dinge, die der Zerstreuung dienen, etwa Urlaubsreisen. Ich bin gesellig, aber wer jetzt noch da ist, ist ein Herzensmesch, den ich nie missen will. Den Blickwinkel zu ändern, erfordert manchmal Zeit und Ruhe, und ich bemühe mich, diejenigen, die mir lieb und teuer sind, daran teilhaben zu lassen.“