Dormagen: Als blutiger Anfänger allein unter Dormagener "Schockern"

Dormagen: Als blutiger Anfänger allein unter Dormagener "Schockern"

Selbstversuch: Unser Reporter spielte als Einsteiger bei der Schocker-Meisterschaft mit.

Normalerweise zählen Einsen nicht zu den Zahlen, die ich bei Gesellschaftsspielen gern würfele. Beim Schocken aber fiebere ich dem schlichten Pünktchen auf dem Würfel geradezu entgegen: Denn drei Einsen im Würfelbecher bedeuten ein "Schock-Aus". Das war das erste, was mir Volker Bruns, Volker Schrills und Sebastian Rickrath erklärten. Mit den dreien saß ich bei der ersten Dormagener Meisterschaft im Schocken an einem Tisch. Sie redeten gar nicht lange um den heißen Brei herum: "Learning by doing" lautete die Devise - und schon waren wir mittendrin in dem beliebten Kneipenspiel, das der Schützenzug "Jung Söck" aus der Historischen Abteilung jetzt im Dormagener Schützenhaus ausrichtete.

Es hatte ein bisschen was vom Zocken in einem Casino: zwölf Tische mit weißen Decken, Filz-Sets, Würfelbecher und Knabberzeug bei gediegenem, bunten Licht, dazu Musik. Mit mir gingen 51 Spieler an den Start - "für die Premiere ist das sehr gut", sagte Patrick Warstat, der die Meisterschaft im Vorfeld organisiert hatte. Als mir sein Kollege Patrick Bahlke die wichtigsten Spielregeln noch vor Beginn der Meisterschaft zu erklären versuchte, verstand ich - um ehrlich zu sein - nur "Bahnhof". Zu kompliziert erschienen mir die Regeln, ich war gedanklich eher beim Salzgebäck auf dem Tisch als bei den vielen Kombinationen, die ich theoretisch würfeln könnte. "Das lernst du gleich alles beim Spiel", sagte er ermutigend und ließ mich schließlich Anfänger sein.

Meine drei Spiel-Kollegen brachten jede Menge Verständnis auf. Sie, allesamt "Profis" im Schocken, ließen mich nicht hängen - obwohl ich das Klischee des "glückhabenden Anfängers" wohl kaum besser hätte erfüllen können. Typisch. Ich hatte das Glück tatsächlich auf meiner Seite und verteilte an meine Mitspieler das, was kein "Schocker" gern bekommt: kleine Deckel, die Spieler ab einer bestimmten Anzahl eins ihrer drei "Leben" kosten.

Volker Bruns saß mir direkt gegenüber. Er erklärte mir geduldig das Spiel und musste immer wieder Deckel kassieren. Erstaunlich oft "schockte" ich die Runde mit zwei Einsen im Becher und einer dritten, hohen Würfelzahl. Abgesehen vom "Schock-Aus" mit drei Einsen kann so etwas zumindest in der Dormagener Version des Würfelspiels niemand mehr so leicht überbieten. Bis zu sechs Deckel beschert so ein "Schock" demjenigen mit dem schwächsten Wurf. Irgendwie tat mir das zwischendurch ganz schön leid. Gleichwohl hätte ich mit dem Glück nicht gerechnet. Auch "Straßen", also drei aufeinanderfolgende Würfelzahlen, und "Jennys", das sind Dreier-Pasche, brachten mich erstaunlich weit nach vorn.

Im Gegensatz zu den beiden Volkers, die uns gegenübersaßen, hatte auch mein direkter Sitznachbar Sebastian Rickrath Glück: Er blieb ebenso weitestgehend von den ungeliebten Deckeln und sogenannten kompletten Hälften verschont. Letztere sind so ziemlich das Schlimmste, was einem beim Schocken passieren kann: Würfelt ein Spieler drei Einsen, erhält derjenige in der Runde, der das schwächste Bild gewürfelt hat, alle Deckel der Spielhälfte und nur noch eine weitere Chance. "Wer in einem Spiel beide Hälften verliert, muss die nächste Runde Bier ausgeben", erzählte Rickrath von der Kneipenregel. "Das könnte teuer werden", ergänzte Volker Schrills und lachte.

Das Wort "teuer" ist negativ behaftet. Es war wie ein Schlüsselwort: Als hätte ich es geahnt, musste das Spiel natürlich eine Wendung nehmen. Es war ausgerechnet Volker Bruns, der den Spieß umdrehte. Eine Art Stechen zwischen ihm und mir kostete mich nach gut einer Stunde mein erstes "Leben". Mit einem "Schock" verpasste er mir jede Menge Deckel - und ich wusste plötzlich wieder, wie es sich anfühlt, wenn sich das Glück verabschiedet. Was folgte, war pures Pech: "Leben" Nummer zwei war schnell verspielt - und im siebten von zehn Spielen der ersten Runde schoss mich Sebastian Rickrath mit einem "Schock-Aus" tatsächlich ins Aus. Ich war draußen. Eigentlich schade, dachte ich mir, denn gerade hatte ich alle Regeln gut verstanden und das Spiel hatte an Fahrt aufgenommen.

Immerhin: Ich weiß jetzt, wie das Schocken funktioniert und bin nicht auf ewig der, der mit seinem Anfängerglück alle in den Wahnsinn trieb. Hinterher gewann übrigens Marcel Pintore die Meisterschaft - einer, der schon vor längerer Zeit unter die "Schocker" gegangen ist.

(cka)