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Dormagen: Allein mit der Leiche

Dormagen : Allein mit der Leiche

In Dormagen stellt der Notarzt nur in seltenen Fällen den Totenschein aus. Dass bedeutet: Die Angehörigen müssen unter Umstände lange auf den Hausarzt und möglicherweise die Polizei warten.

Gertrud M. hält die Anspannung nicht mehr aus. Im Bett im Schlafzimmer liegt ihr Mann — tot. Verstorben an einem Herzinfarkt. Es war bereits der zweite Anfall. Der Notarzt war zwar binnen weniger Minuten da — helfen konnte er nicht mehr. Auch der Versuch, den 62-Jährigen zu reanimieren, scheiterte. Jetzt sitzt die Witwe da und wartet. Und wartet, allein mit der Leiche. Einzige Hilfe in dieser Situation könnte der Notfallseelsorger sein.

Dann erst kommt der Bereitschaftsarzt. Auch er kennt den Patienten nicht näher. Auch er kreuzt an: "Nicht bekannt, ob natürliche oder unnatürliche Todesursache". Das hat Folgen: Die Polizei wird eingeschaltet. Die Beamten kommen binnen weniger Minuten, untersuchen die Leiche. Sie können nichts Auffälliges finden, telefonieren wenn möglich mit dem Hausarzt, geben die Leiche frei. Die Witwe ist fertig: "So lange allein mit der Leiche, und der Bestatter konnte nichts machen." Jetzt endlich hat auch die Leiche ihre Ruhe.

Rund 500 Mal wird die Polizei kreisweit pro Jahr zu unklaren Todesursachen gerufen. Für Ralf Senger, langjähriger Leiter des Kriminalkommissariats 11, zuständig für Todesermittlungen, reine Routine. "Nur in den allerwenigsten Fällen ergibt sich ein Verdacht auf ein Fremdverschulden." In allen übrigen Fällen wird die Leiche schnell frei gegeben. Dennoch: In Dormagen ist es nach den Erfahrungen besonders häufig, dass die Angehörigen mit der Leiche allein in der Wohnung gelassen werden.

Ein ehrenamtlicher Notfallseelsorger, der namentlich nicht genannt werden will: "In Dormagen lehnt es der Notarzt in der Regel ab, die Todesursache zu benennen." Allerdings: "Dazu ist er auch nicht verpflichtet", weiß Senger. Das bedeutet, dass der Hausarzt gerufen werden muss. Das aber ist nachts oder am Wochenende schwierig. Da wird der Bereitschaftsarzt benachrichtigt. Aber auch der kennt den Patienten nicht, lässt die Todesursache auf dem Totenschein offen — und damit wird der Vorgang ein Fall für die Polizei.

"Das ist rechtlich alles einwandfrei", berichtet Senger. "Doch für die Angehörigen, die mit dem oftmals plötzlichen Tod restlos überfordert sind, ist das eine zusätzliche Belastung." Nach der Erfahrung des Notfallseelsorgers ist es — außer in Dormagen — im gesamten Rhein-Kreis Neuss üblich, dass der Notarzt auch den Totenschein komplett ausfüllt. Damit werden schwer erträgliche Situationen wie in Dormagen vermieden.

"Der Notarzt, der den Patienten nicht kennt, darf in der Regel keinen detaillierten Totenschein austellen", so der Internist Gerd Ekkehard Höveler, Vorsitzender des Praxisnetzes und Mitorganisator des Bereitschaftsdienstes. "Er wird in der Regel nur eine vorläufige Todesbescheinigung ausstellen, in der nichts zur Ursache gesagt ist", so Höveler. Auch der Bereitschaftsarzt wird versuchen, zunächst den Hausarzt zu erreichen. Wenn der nicht erreichbar ist, so wird die Polizei eingeschaltet. "Das ist für die Angehörigen eine schwierige und belastende Situation", sagt Höveler. Eine Lösung des Problems, das innerhalb der Ärzteschaft und der Polizei heftig umstritten ist, sieht er auch nicht. "Der Arzt bewegt sich beim Ausstellen des Totenscheins auf sehr dünnem Eis."

(RP)