Afghanin hat in Dormagen-Delhoven neue Heimat gefunden

Flüchtlingsmädchen ist angekommen : Afghanin hat in Dormagen neue Heimat gefunden

Trotz der kulturellen Unterschiede spürt Masooda Sarwary die besondere Atmosphäre, die das Weihnachtsfest ausstrahlt. Dort, wo Masooda geboren ist, leben Frauen eher im Verborgenen.

Mit strahlenden Augen steht Masooda Sarwary vor dem Historischen Rathaus, schaut auf den Weihnachtsmarkt und die mit Lichtern geschmückte Fußgängerzone. „Ich mag das, dass die Häuser in Deutschland so schön geschmückt werden“, sagt die 19-Jährige. Sie sieht glücklich aus. Sich alleine in der Öffentlichkeit zu zeigen und frei zu bewegen, ist für sie nicht selbstverständlich. Dort, wo Masooda geboren ist, leben Frauen eher im Verborgenen. Wenn sie vor die Tür gehen, dann in Begleitung des Vaters, Onkels, Bruders oder Ehemanns. Töchter werden selten zur Schule geschickt. Die Heimat, die Masooda, ihre damals acht Geschwister und die Eltern vor drei Jahren verlassen haben, heißt Baghlan und liegt in Afghanistan. Eine rund 80.000 Einwohner-Stadt im Norden des Landes, nicht weit von Kundus. Masooda wird einsilbig, wenn sie davon erzählt. Die Taliban, sagt sie. Der große Bruder sei bedroht worden, der Vater verletzt. Es gab Gründe, die alte Heimat zu verlassen. Zwei Tanten und die Oma blieben zurück, „sie fehlen mir“.

Neue Heimat der jetzt zwölfköpfigen Familie Sarwary ist Delhoven, wo alle gemeinsam in einer Wohnung leben. Masooda teilt dort ein Zimmer mit drei Schwestern. Der jüngste Bruder ist ein geborener Rheinländer und feierte am 19. Dezember seinen ersten Geburtstag. Familie ist sehr wichtig, betont die 19-Jährige, die als Hintergrund auf ihrem Handy ein Foto des Vaters hat. Im Grunde ist Familie die Heimat. Ist sie dabei, kann man überall heimisch werden. Nette Nachbarn erleichtern den Sarwarys die Ankunft im neuen Zuhause. Masooda besucht derzeit das Schwann-Kolleg in Neuss und hat die Mittleren Reife im Visier. Sie träumt große Träume, will „Herzärztin werden oder Richterin“. Ziele, die in Afghanistan für sie unerreichbar waren. „Ich ging in die Schule, aber nur alle paar Monate mal.“ Ihre alte Heimat und die damit verbundenen Traditionen trägt Masooda auch in der neuen in sich – und auch nach außen. Sie ist eine wahre Meisterin im Malen kunstvoller Henna-Tattoos, verschönert die eigenen Hände und Arme, auch die von Freundinnen auf Wunsch mit kunstvollen, filigranen Ornamenten. Die feinen Striche funktionieren ebenso auf Papier. Eine Auswahl ihrer Malereien zeigte Masooda schon im Sommer im Rahmen einer Ausstellung im Berufsbildungszentrum (BBZ), das sie damals noch besuchte. Auch ihre Lehrer wurden als Dankeschön mit Kunstwerken beschenkt.

Daheim schlüpft die junge Frau gerne in traditionelle afghanische Kleider. „Ich hätte gerne mehr davon, aber hier sind sie sehr teuer“, bedauert Masooda. Ihr waches Auge für Schönes wird auch dann offensichtlich, wenn sie ihren Instagram-Account öffnet. Blumen, Landschaften, der Sonnenuntergang meist in Delhoven sind es, die Masoodas Blick gefangen nehmen. Daraus komponiert die junge Frau wunderschöne Aufnahmen. Ihr neues Leben, durch die Linse betrachtet.

Auch wenn die muslimische Familie kein hiesiges Weihnachtsfest feiert, kam doch passgenau vor Heiligabend die frohe Botschaft ins Haus: Die Sarwarys dürfen vorerst weitere drei Jahre in Deutschland bleiben. Masooda kommentiert das per WhatsApp auf Englisch, eine der sechs Sprachen, die sie beherrscht, mit den Worten „I am so happy“ – ich bin so glücklich.

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