Dinslaken: Wofür Pfarrer Weihnachten beten

Dinslaken: Wofür Pfarrer Weihnachten beten

Vier Priester erklären, was das Gespräch mit Gott an diesem besonderen Feiertag für sie persönlich bedeutet.

In Notsituationen beten auch Menschen zu Gott, die im Alltag eher nicht seine Nähe suchen. An hohen kirchlichen Festtagen wie Weihnachten ist es ähnlich. Manchmal fehlen ihnen dann die Worte. Bei Pfarrern ist das anders. Wenn sie vor der Gemeinde stehen, wissen sie genau, was sie zu sagen haben. Aber was und wofür beten sie, wenn sie allein sind?

Dechant Gregor Kauling (Sankt Vincentius), Superintendent Martin Duscha, Pfarrer Wilhelm Kolks und Pfarrer Armin von Eynern (von links oben im Uhrzeigersinn). Foto: Martin Büttner

Superintendent Martin Duscha, Evangelische Kirchengemeinde Dinslaken:

Dechant Gregor Kauling (Sankt Vincentius), Superintendent Martin Duscha, Pfarrer Wilhelm Kolks und Pfarrer Armin von Eynern (von links oben im Uhrzeigersinn). Foto: Martin Büttner

"Wenn ich bete, kenne ich keine Grenzen. Alles, was mir auf der Seele liegt, bringe ich vor Gott. Manchmal ist es der Name eines Menschen, manchmal ein Stoßseufzer und manchmal sprudelt es nur so aus mir heraus, wenn ich mich freue und dankbar bin. Gerade in Zeiten, in denen ich nicht weiter weiß, hilft es mir, meine Gedanken zu Gott zu sammeln. In der vergangenen Woche waren mir die Opfer des Amoklaufes an der Grundschule in Newtown, USA, ein häufiges Gebetsanliegen - und die Menschen in meiner Gemeinde, von denen ich weiß, dass sie "zu" sind vor Trauer, Schmerz, Krankheit und Angst.

Dechant Gregor Kauling (Sankt Vincentius), Superintendent Martin Duscha, Pfarrer Wilhelm Kolks und Pfarrer Armin von Eynern (von links oben im Uhrzeigersinn). Foto: Martin Büttner

Am Heiligen Abend wird meine kleine Enkeltochter die große Tür am Adventskalender öffnen. Dann ist Weihnachten. Christ, der Retter, ist da. Für mich bedeutet das Gebet eine solch offene Tür zu Gott, die er selbst aufgetan hat, die niemand mehr schließen kann. Wenn ich bete, begebe ich mich gleichsam in einen anderen Raum, in dem Versöhnung wächst, wo Streit war; in dem ich mich rückbinde an das Leben; in dem ich mich selbst und meinen Nächsten loslassen darf in die Hände Gottes."

Dechant Gregor Kauling, katholische Kirchengemeinde Sankt Vincentius in Dinslaken:

"Das Beten hat mit Liebe zu tun und Liebe mit Erfahrung. Gott muss in meinem Leben einen Platz haben, damit ich überhaupt zunächst einmal die Notwendigkeit verspüre, mit Ihm in Kontakt zu treten. Das Gebet ist Ausdruck meiner Liebe. Jetzt wird mein Gebetsleben plötzlich lebendig, ich merke, dass das Gebet alles auszudrücken vermag, und sei es auch nur durch das ganz präsente Schweigen. Es gibt ihn, diesen kostbaren Augenblick der Stille in meinem Leben am Heiligen Abend, in der Tiefe der Nacht, nach dem Essen im Kreise lieber Kollegen und den festlichen Gottesdiensten in den Kirchen.

Daheim in der weihnachtlichen Stube — irgendwie ein Gefühl wie zwischen den Welten, für einen kurzen Augenblick ist es friedlich und wirklich still. Ich bin allein, in meinem priesterlichen Brevier liegt ein zerknickter Zettel, schon etwas angegriffen von dem zurückliegenden Jahr, ich hole ihn hervor, darauf stehen Namen von Menschen, die meinen Weg kreuzten, die mich gebeten haben, für sie zu beten oder in deren Nähe ich spürte, sie brauchen es, dass es gerade jetzt ganz einfach jemand für sie tut. Ich gehe zu meiner Krippe, entzünde eine Kerze und gehe Namen für Namen noch einmal durch, ich sehe die Gesichter vor mir und schaue auf Jesus in der Krippe und ich weiß, in seiner Nähe geht es auch diesen vielen gut, im Jenseits und im Diesseits, im Leben und im Sterben, in der Not und in der Freude. Auch mir schenkt das als Priester einen unglaublichen Frieden am Heiligen Abend, in jedem Jahr wieder neu."

Wilhelm Kolks, Pfarrer der katholischen Gemeinde Sankt Peter in Spellen:

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"Als Schüler hab ich viele Stunden in der Dunkelkammer unseres Gymnasiums verbracht und Fotos entwickelt. Es war faszinierend, im Rotlicht der Dunkelkammer ein Negativ auf Fotopapier zu belichten und im Entwicklerbad dann zu sehen, wie nach und nach ein Bild auf dem Papier erschien. Der Frankfurter Pfarrer und Dichter Lothar Zenetti schreibt: ,Wenn du betest, dann geh in dein Kämmerlein, dein Dunkelkämmerlein, und entwickle das Bild, das Gott sich von dir gemacht hat.' Darin finde ich mich mit meinem persönlichen Beten sehr gut wieder. Mein Gebet ist daher selten ein Bittgebet um etwas. Ich glaube nicht, dass Gott in diese Welt eingreift. Gott verhindert keine Katastrophen, kein Unglück, keine Krankheiten durch seine willkürliche Intervention.

Dafür nimmt ER, der Allmächtige, unsere Freiheit und die seiner Schöpfung viel zu ernst. Ich glaube andererseits ganz fest, dass Gott in diese Welt hineinwirkt, wo ein Mensch sich IHM in aller Freiheit öffnet. Das versuche ich in meinem ganz persönlichen Beten immer wieder zu tun, mich in der Stille vor Gott zu öffnen für das, was ER mit mir vorhat, wozu ER mich bewegen will oder indem ich versuche, das Bild zu entwickeln, das Gott sich von mir gemacht hat. ,Das Gebet verändert nicht die Welt, aber es verändert den Beter', heißt es, und — so würde ich es ausdrücken — wo die Beter sich verändern, da verändert sich auch die Welt.

In mein Gebet gehört immer auch das hinein, was ich am Tag erlebe, die Menschen, die mir begegnet sind, die Nachrichten, die mich mit den — oft brutalen — Schicksalen anderer Menschen konfrontieren, die Probleme, die ich mit anderen und auch mit meiner Kirche habe, die Sorgen, die ich mir über unseren Umgang mit Gottes Schöpfung mache und vieles mehr. In diesem Sinn nehme ich auch die Welt ins Gebet und bin mir ganz sicher, dass sich so auch diese Welt ein wenig und immer mehr für Gottes heilendes Wirken öffnet."

Armin von Eynern, Pfarrer der evangelischen Stadtkirche in Dinslaken:

"Mein Blick geht Weihnachten zuerst zu den Kriegs- und Krisenregionen dieser Welt. Weihnachten verkündigt ja den ,Frieden auf Erden', der im Krippenkind beginnt, und legt damit den Finger in die Wunden unserer Zeit. In diesem Jahr denke ich an den unsäglichen Bürgerkrieg in Syrien, an die Kinder, die von Soldaten als menschliche Schutzschilde missbraucht werden, an die Gefahren, die in den Giftgasdepots noch lauern. Ich bete, dass der Krieg sich dort nicht zu einem Flächenbrand entwickelt. Ebenso bete ich für Israel-Palästina, dass auf beiden Seiten die Tauben wieder die Oberhand über die Falken gewinnen und es endlich auf eine Zwei-Staaten-Lösung zugeht.

Um Frieden bitte ich auch für Ägypten, dass dort die Errungenschaften des arabischen Frühlings nicht in einer neuen Diktatur untergehen. In meinem näheren Umfeld beschäftigt mich, wie unsere Kinder und Jugendlichen heranwachsen. Immer mehr verhaltensgestörte Kinder nehme ich wahr, überforderte, weil unterbesetzte Schulkollegien, unkontrollierten Medienkonsum, der sinnvolle Primärerfahrungen der Kinder verdrängt. Ich bete für meine Töchter und für die Kinder in unserem Land, dass sie trotzdem ihren Platz in der Gesellschaft finden und an Herausforderungen nicht zerbrechen. In meine Fürbitte schließe ich auch Menschen ein, deren Krankheitsschicksal mich berührt, persönliche Freunde und Menschen aus der Gemeinde. Ich wünsche ihnen, dass sie Heilung finden und in jedem Fall Kraft, ihr Schicksal zu tragen. Neben diesen Bitten danke ich dem Himmel, dass es meiner Familie gutgeht und wir ein Jahr mit hoher Arbeitsbelastung gesund überstanden haben."

Ralf Schreiner trug die Texte zusammen.

(RP/rl)
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