Dinslaken/Wesel: Wieder vereint

Dinslaken/Wesel: Wieder vereint

Nomad Jalali flüchtete aus Afghanistan. Auch mit Hilfe aus Dinslaken kam seine Familie nach Deutschland, lebt nun in Wesel. Die Geschichte der Jalalis ist auch ein Beweis dafür, wie mühevoll der umstrittene Familiennachzug nach Deutschland ist.

Am Ende des einstündigen Gesprächs über eine lebensgefährliche Flucht, über die langsamen Mühlen in Behördendeutschland und über das große Herz vieler guter Menschen sagt Noman Jalali zum Journalisten auf Deutsch einen Satz, der staunen lässt: "Erzählst du diese Geschichte nun in der Ich-Perspektive oder aus der eines auktorialen Erzählers?" Der Journalist ist überrascht: Hat dieser afghanische junge Mann, der erst seit zwei Jahren Deutsch spricht, tatsächlich den Begriff des auktorialen Erzählers verwendet, den sonst wohl nur Deutsch-Leistungskursler und Germanistikstudenten kennen?

Der Begriff auktorialer Erzähler umschreibt, dass der Erzähler einer Geschichte allwissend ist, also alle Motive aller handelnden Personen kennt. Dass Noman diesen Begriff kennt, zeugt von seiner großen Bereitschaft, sich hier in Deutschland zu Hause zu fühlen, hier anzukommen. Polizist will er werden. Er will also einen Beruf ausüben, in dem er andere Menschen schützen kann. Ein Schutz, den er gerne auch in seinem Heimatland Afghanistan erfahren hätte.

Es ist tatsächlich schwer, in dieser Geschichte über die afghanische Familie Jalali die Position eines auktorialen Erzählers einzunehmen. Zu viele handelnde Personen, zu viele gegensätzliche Motive. Und irgendwie sind beide Seiten verständlich. Da sind einerseits Noman und seine Familie, die in Deutschland Sicherheit suchen. Da ist andererseits der deutsche Staat, in dem die Politik derzeit den Nachzug von Familien debattiert. Die Geschichte der Familie Jalali zeigt, wie viel Aufwand nötig ist, um eine Familie zusammenzuführen. Zur Wahrheit gehört wohl: Solch einen großen Aufwand, wie er am Niederrhein ehrenamtlich geschehen ist, kann eine Stadt nicht für alle Flüchtlinge leisten.

Im Jahr 2015, damals ist Noman Jalali 16 Jahre alt, flüchtet er mit der Hilfe von Schleppern aus Afghanistan. Seine Flucht ist eine mit Irrwegen, unter größten Gefahren. "Als wir an der Grenze zum Iran waren, habe ich gesehen, wie sie unzähligen der anderen Flüchtlinge einfach die Kehle durchgeschnitten haben, weil sie die Schlepper nicht bezahlen konnten." Sein Weg habe ihn immer wieder an sterblichen Überresten vorbeigeführt, sagt Noman. Seine Haut sei in der Sonne von Griechenland verbrannt, kurz darauf habe er auf dem Balkan bitter gefroren, habe nachts draußen geschlafen - nur um das eine Ziel zu erreichen: eine sichere Heimat. Acht Tage sei er über Berge gelaufen, habe aber nur Essen für drei Tage dabeigehabt. Die Stationen: Iran, Türkei, Bulgarien, Kroatien, Slowenien, Ungarn. "Ich bin elfmal fast gestorben, man wird lebensmüde, wenn man auf der Flucht ist", sagt Noman.

Im September 2015 steht er dann an der ungarischen Grenze. Da hat sich in Deutschland Bundeskanzlerin Angela Merkel gerade entschieden, die Grenzen für die Flüchtlinge zu öffnen. Die Entscheidung hat Deutschland gravierend verändert, die Entscheidung der Kanzlerin ist danach immer wieder hart kritisiert worden, und noch immer ist nicht endgültig klar, ob Angela Merkel letztlich vielleicht über diese Entscheidung stolpert. Für Noman steht schon jetzt fest: ",dass Frau Merkel so entschieden hat, dass ich nach Deutschland kommen durfte, hat mein Leben verändert."

Noman Jalali sagt, er habe sein Heimatland Afghanistan immer sehr gerne gemocht. Es sei aber dort zu gefährlich gewesen. Die Taliban hätten seine Familie töten wollen, um seinen Vater, der dort General und Hubschrauberpilot war, zur Kooperation zu zwingen. Noman selber wurde von den Taliban entführt und konnte nur gegen hohes Lösegeld schwer verletzt freikommen.

In Deutschland angekommen, wird Noman in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Bielefeld untergebracht, danach kommt er über Dinslaken nach Wesel. Dort lebt er vier Monate im Kinderheim an der Sandstraße, wird parallel am Andreas-Vesalius-Gymnasium unterrichtet, wo er Lehrerin Beate Florenz-Reul kennenlernt. "Familie Reul ist mein Glücksfall, sie sind wie Engel für mich", sagt Noman, der inzwischen 18 Jahre alt ist. Die Reuls werden Nomans Pflegefamilie. Ihre eigenen beiden Töchter studieren und leben nicht mehr im Haus.

Der junge Mann zeigt großen Lerneifer. Die deutsche Sprache hat er sich in seinen ersten Monaten in Deutschland mit freiem W-Lan in der Weseler Innenstadt beigebracht - in den Shops von Saturn, H&M und Kaufhof. Im Saturn habe man erst gedacht, er wolle stehlen, sagt Noman schmunzelnd. Irgendwann habe sich unter den Mitarbeitern aber rumgesprochen, dass dieser junge Mann an den Test-Tablets die deutsche Sprache lernt. "Die haben mir später sogar einen Stuhl hingestellt", sagt Noman dankbar. Inzwischen hat er einen Hauptschulabschluss, macht derzeit seinen Realschulabschluss an der VHS.

Noman Jalali ist also schnell angekommen in Deutschland, aber gleichzeitig war in ihm diese Angst, wie es seiner Familie in Afghanistan erginge. Nachdem er durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlingsfragen (BAMF) 2017 als Flüchtling anerkannt worden war, entschied er mit seinen Pflegeeltern Beate Florenz-Reul und Godehard Reul, einen Antrag auf Familiennachzug zu stellen. Und dort beginnt der zweite Teil der mühsamen Wegstrecke für den jungen Mann.

Familiennachzug funktioniert in Deutschland nur, wenn man Asyl erhält und nur solange man unter 18 Jahre alt ist. Es bestand also hoher Zeitdruck. Weiterhin musste gewährleistet sein, dass Wohnraum für die Familie existiert. Der Weseler katholische Pfarrer Stefan Sühling setzte sich stark ein, stellte sicher, dass die Familie vorerst im Pfarrhaus von Mariä Himmelfahrt leben kann. Da ein minderjähriger Flüchtling nur das Recht auf den Nachzug der Eltern hat, durfte zunächst nur der Vater der Familie nachkommen. Frau und sieben Kinder ließ er in Afghanistan in riskanter Lage zurück.

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Dann forderte das Auswärtige Amt, die Abstammung der Kinder zu beweisen. Schleimhautproben aller Familienmitglieder mussten von Afghanistan nach Deutschland geschickt und hier untersucht werden.

"Dann sollte Noman nachweisen, dass er für den Lebensunterhalt seiner Geschwister aufkommen kann", erklärt Beate Florenz-Reul. Insgesamt hätte Noman regelmäßige Einkommen von zirka 2350 Euro monatlich nachweisen müssen. "Welcher Flüchtling kann das schon?", fragt die Pädagogin.

Familie Reul setzte alle Hebel in Bewegung, schrieb auch an den Petitionsausschuss des Bundestages, um auf die Dringlichkeit der Entscheidung aufmerksam zu machen. "Die CDU-Bundestagsabgeordnete Sabine Weiss aus Dinslaken war bei allen Gesprächen mit dem BAMF und dem Auswärtigen Amt eine riesige Hilfe. Ohne sie und unseren Anwalt hätten wir es wohl nicht geschafft", sagt Beate Florenz-Reul. Dank der erfolgreichen Petition durfte die Mutter mit Nomans Geschwistern im August schließlich nachkommen. Bis zuletzt bestanden beim Sohn Qais noch Zweifel. Die Behörden waren unsicher, ob er tatsächlich noch unter 18 Jahre alt ist. Röntgenbilder ließen auch diese Zweifel unbegründet erscheinen.

"Man hätte viel Zeit und Geld sparen können, wenn man der Familie geglaubt hätte", sagt Beate Florenz-Reul, die gleichwohl für die Vorsicht der Behörden auch Verständnis entwickelt.

Seit dem 17. November ist die Familie Jalali in Wesel wieder vereint, seitdem ist auch Qais da. Die Taliban hatten ihn kurz vor seiner Fahrt nach Deutschland entführt und misshandelt. Mit einem Gipsbein kam er im Alter von 16 Jahren nach Deutschland. Pfarrer Stefan Sühling kümmerte sich darum, dass der junge Mann im Marienhospital unkompliziert untersucht werden konnte. "Er hat uns sehr viel geholfen", sagt Noman Jalali.

Und nicht nur da gab es unkomplizierte Hilfe. Die Familie war bis zum Eingang der ersten Leistungen vom Jobcenter fünf Wochen lang völlig mittellos. Das Rote Kreuz stellte unkompliziert Faltbetten zur Verfügung und Freunde, Nachbarn, Bekannte und auch völlig Unbeteiligte spendeten Geld, Kleidung, Möbel und Schulsachen. Unter anderem sammelte das Collegium Vocale. "Man bekommt auf einmal so viel Hilfe aus Ecken, wo man es gar nicht erwartet, und wir sind dafür sehr dankbar," sagen Godehard Reul und Beate Florenz-Reul.

Die Familie Jalali ist nun vereint, und doch lebt Noman weiter bei seiner deutschen Pflegefamilie. Auch das ist ein Teil dieser Geschichte. Noman fühlt sich mittlerweile in Deutschland so angekommen, dass die Bindung zu seiner eigentlichen Familie eine andere ist. Er zeigt sich willig, Deutsch zu lernen. "Ich habe meiner Familie zwei Jahre voraus", sagt Noman. Inzwischen sei er auch ein erwachsener Mann. Noman will bei den Reuls bleiben. Sehr oft besucht er das Pfarrhaus und versucht seiner afghanischen Familie zu helfen.

Am Ende des Gesprächs bei Tee und Spekulatius im Pfarrhaus will man in das Herz des jungen Mannes schauen. Wie sieht er dieses Deutschland, das ihm neue Heimat wurde? Noman antwortet zögerlich. "Ich bin dankbar für all die lieben Menschen, die mir hier geholfen haben. Viele Menschen in Deutschland sind sehr, sehr nett." Andererseits sei Deutschland auch das Land, dessen Bürokratie so viele Steine in seinen Weg gelegt hat. "Das war sehr anstrengend, manchmal gruselig. Ich hatte immer Angst, dass wir es nicht schaffen." Sein Wunsch an die deutsche Politik: "Die Politiker sollen sich dafür einsetzen, dass Afghanen, die hier leben und arbeiten wollen, die sich integrieren und fleißig lernen, am Ende auch hierbleiben dürfen." Noman will all das tun.

Hat er eine Chance, hier zu leben? In Afghanistan könne er nicht überleben, hat Noman für sich festgestellt. "Seit 40 Jahren herrscht dort schließlich Krieg." Noman hat die Hoffnung aufgegeben, dass sich das irgendwann noch einmal ändert.

(RP)