Dinslaken: Wenn Singvögel im Balkonkasten brüten

Dinslaken : Wenn Singvögel im Balkonkasten brüten

Den Tieren fehlt auf dem Land die Nahrungsgrundlage. Gartenpflanzen und Balkonblumen bereichern das Futterangebot der Piepmätze.

Manche Menschen haben einen Vogel. Und zwar nicht im übertragenen Sinne, versteht sich, sondern direkt auf ihrem Balkon. Aber nicht etwa einen Wellensittich, Kanarienvogel oder Papageien, sondern einen richtigen Singvogel. Und das mitten in der Stadt. Ob es sich bei dem Exemplar, das da plötzlich im Blumenkasten nisten will, vielleicht um einen Star handeln könnte?

"Nein", sagt Wilfried Zehner, Leiter der Nabu-Gruppe Dinslaken und Hobby-Ornithologe, "dabei handelt es sich wohl eher um eine Schwarzdrossel, die dort ihr Nest baut. Die bewohnt zur Not auch Blumenkästen." Denn ein echter Star, der mag nicht gerne allein sein. Der Vogel-Experte klärt auf: "Der Star braucht zunächst einmal eine Nisthöhle mit einem Einflugloch von vier Zentimetern Durchmesser. Und dann brütet er auch gerne in kleinen Kolonien mit bis zu 20 Brutpaaren und nicht alleine."

Die Wahrscheinlichkeit, einen Star in einer öffentlichen Parkanlage mit Altholzbestand in der Stadt zu entdecken, sei da schon größer. "Die Vögel brüten auch gerne in alten Spechtlöchern. Da muss man dann nur die Augen aufhalten", so Wilfried Zehner.

Dass aber tatsächlich immer mehr Singvögel in den Grünanlagen, Gärten und eben selbst zum Nisten in Innenhöfen oder sogar auf einem Balkon in der Stadt anzutreffen sind, sei dabei keine persönliche Einschätzung. "In den städtischen Randgebieten und Parks leben mittlerweile mehr Singvögel, als auf dem Land", so der Hobby-Vogelkundler. Und begründet: "Auf dem Land finden sie kein Futter mehr, da dort rund 80 Prozent der Insekten in den vergangenen 20 Jahren verschwunden sind, was vielfach an den Insektiziden liegt, die in der Landwirtschaft verwendet werden."

Was also, können Vogelfreunde hier tun, um den gefiederten Freunden ihre neue, städtische Wohngegend quasi noch schmackhafter zu machen? Die Antwort ist simpel: "Balkon und Garten können noch freundlicher für Insekten gestaltet werden", sagt der Nabu-Gruppenleiter. Naturnah solle es sein, "möglichst keine Hybriden oder Exoten anpflanzen, sondern heimische Gewächse und Blütenpflanzen, die noch Nektar produzieren, denn Zuchtpflanzen tun dies nicht mehr". Wenn er ganz ehrlich sei, sagt Wilfried Zehner, dann wären die besten Insekten-Pflanzen "natürlich Brennnesseln, aber die will keiner im Garten und schon gar nicht auf dem Balkon haben". Gute Insektenweiden seien auch Lavendel, Rosmarin, Glockenheide, Blaukissen oder für den Garten auch alle blühenden, alten und heimischen Obstbaumsorten, ein Holunder oder auch ein Weißdorn. "Hilfreich für die Ansiedlung der Vögel und beim Nestbau unterstützend können auch Nistkästen für den Garten sein", sagt der Nabu-Experte. "Das funktioniert auch, aber man sollte sich vorher schon ein paar Gedanken dazu machen, wo man den oder die Nistkästen hinhängt: zum Beispiel sollten sie nicht nach Westen in die Wetterrichtung und auch nicht nach Süden in die pralle Sonne ausgerichtet sein, sondern lieber im Halbschatten angebracht werden." Auch sollten es nicht zu viele Nistkästen im Garten sein: "In einem 300 Quadratmeter großen Garten sind fünf Nistkästen absolut ausreichend", sagt Wilfried Zehner. Sie sollten dann auch verschieden große Einfluglöcher besitzen und an unterschiedlichen Orten aufgestellt werden.

Dann gibt der Feld-Ornithologe vom Nabu noch einen ganz wichtigen Hinweis an alle vogelfreundlichen Gartenbesitzer: "Jetzt brüten aktuell die Gartenkleinvögel, deren erste Nahrung Blattläuse sind. Rosen und andere Pflanzen sollten daher aktuell auf gar keinen Fall gespritzt werden. Sonst muss sich kein Gartenbesitzer im Winter wundern, wenn die Meisenknödel, mit denen er den Vögeln etwas Gutes tun will, nicht abgefuttert werden: die Meisen dazu, gibt es dadurch dann nämlich erst gar nicht..."

(ewi)
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