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Dinslaken: Wenn Shakespeare nicht reicht

Dinslaken : Wenn Shakespeare nicht reicht

Adnan Köse streckt Othello zum langen Elend und scheitert als Filmemacher an den Bedingungen der Bühne.

Es ist 23.45 Uhr, als am Samstagabend in der Kathrin-Türks-Halle der letzte Videoclip, der letzte szenische Kommentar und auch die letzte Livemusik von der Trompete verklingt. Was Shakespeare einst als Stück verfasst hat, ist da längst abgespielt.

Doch allzu viel hat der englische Barde an diesem Abend eh nicht zu sagen. Ein einsamer Buhrufer macht seinem Herzen Luft, zahlreiche andere sind da längst gegangen. Der Rest applaudiert angetan. Der Filmemacher Adnan Köse hat sich Othello vorgenommen und scheitert als Filmemacher an den Bedingungen der Bühne.

Doch zurück auf Anfang: Infanteristen umgeben das Publikum bereits im Foyer, sichern den Zuschauerraum und gewähren spät Einlass. Es ist was faul im Staate Köse. Eigentlich erwartet man ein Stück, bei dem Venedigs General Othello durch List seines Gefolgsmanns Jago in blinde Eifersucht getrieben wird und schließlich aus eingeflüstertem Wahn seine Liebste mordet.

In Dinslaken setzt die Regie ringsum auf Puff und Peng. Doch da das nicht zu Ende durchgeprobt erscheint, wirkt es wie beim Indianerspielen unserer Kleinen. Kein Filmschnitt rettet schwaches Bühnenhandwerk.

Und da Köse zu jenen Theaterleuten gehört, die am liebsten auch noch den Löwen selber spielen wollen, hat er nicht nur Regie geführt, das Bühnenbild entworfen (beherrscht von einem großen Sofa, das verdächtig an Freuds Praxisort in Wien erinnert) und Videosequenzen (in zeitgenössischer Prosa à la "Mach kein'n Scheiß!") beigesteuert, sondern spielt auch noch Jago selber.

Für Köse sind die Männer dieses Stücks vom Schlachtfeld deformierte psychisch Kranke. Ein plausibler Ansatz, der für sich hat, erklären zu können, warum die Kerle hier so neben der Kappe (sprich: dem Stahlhelm) sind. Insbesondere Ali Murtaza als Rodrigo gibt sich mit Vehemenz in diese Deutung und stellt uns vor, wie so ein Soldatenleben im Zivilen arg entgleiten kann. Dave Kaufmann in der Titelrolle wirkt wie erlöst bei seiner Hochzeit. Die Magie des Kriegshelden schafft es aber nicht über die Rampe.

Außerdem muss man höllisch auf der Hut sein, um Kaufmanns Text gut zu verstehen. Der ist mit dieser Leisetreterei nicht allein. Auch Köse schluckt und wispert seinen Text ins Off, dass man sich wünscht, es hinge da ein Mikrofon. Doch Köses Deutungsansatz passt, und so erleben wir hier Zeitgenossen, keine Monumente.

Othellos Geliebte (Marlene Zimmer als mordgeweihte Desdemona) hat es da ungleich schwerer, die steten Kommunikationspannen zwischen ihr und ihrem Anvermählten nachvollziehbar zu machen. Dabei sind die es, die das tödliche Uhrwerk von Jagos Intrige erst lauffähig halten. Hätte dieses Mädchen ein bisschen mehr geredet mit Othello, so wäre das Gespinst der Eifersucht ruck zuck vom Tisch gewesen. Marlene Zimmer gelingt es leider nicht so recht, diese Schweigespirale zu legitimieren.

Es mag daran liegen, dass Köse seinen militärpsychologischen Begründungsansatz so toll fand, dass anderes vernachlässigt blieb. Er hat seine Darsteller mit der Kamera vorab ins Visier genommen. Diese Clips gelingen packend. Doch wird mit aktueller Prosa ausgewalzt, was jedem Zuschauer, der schon mal Schnipsel von Kriegsberichterstattung mitbekommen hat, binnen weniger Augenblicke längst klar sein wird.

In Zeiten von CNN und Internet braucht es den Hammer der Aufklärung hierzu nicht mehr. Durch diese üppig portionierte Zutat verliert der Abend Spannkraft und so manchen aus dem Publikum. Das Bonuspaket, das Köse auf den armen Shakespeare draufkippt ("Ab jetzt gehören eure Ärsche mir!"), das anfangs noch einen Hubschrauber im Landeanflug wie im Musical bei "Miss Saigon" dröhnen lässt, müht sich bald mehr und mehr und dehnt sich schier unendlich.

Und technisch brüllt der Video-Ton bisweilen als wollte er wettmachen, was die Darsteller verschlampen. Überhaupt die Technik: Zu vieles auf der Bühne wird nicht ausgeleuchtet. So agieren jene im Halbschatten, die weder über die Stimmgewalt noch den künstlerischen Ausdruck verfügen, um derlei auszugleichen.

Entbehrlich wirkt das Ganze, je länger es sich streckt. Was von Shakespeare übrigbleibt, kann den Abend auch nicht retten. In Erinnerung bleibt Kaufmanns Sängersolo "Unforgettable". Noch ehe man was zu vergessen hätte, müsste man es aber erst mal wissen. Mancher hätte vielleicht gern ein bisschen mehr über die beteiligten Künstler erfahren. Ein paar der Profis haben es auf das Plakat geschafft.

Die sehr engagiert agierenden Amateure (Soldaten, Hochzeitsgäste, Putzkolonne) blieben aber unbenannt, denn es gab weder einen Besetzungszettel noch ein Programmheft. Dafür hatte man ein üppiges Büffet besorgt, dessen Servicepersonal im oberen Foyer plapperte und klapperte, dass es bis in den Saal drang.

"Viel Spaß" wünschte uns der Regisseur vorab. Gut, dass wir diese Deutehilfe hatten.

(RP)