Wenn das eigene Image nur ein Fassade ist

Produktion der Burghofbühne : Wenn das eigene Image nur eine Fassade ist

Laura Götz überzeugte mit dem Monolog „Augen voller Wahnsinn“ in einer Produktion des Landestheaters Burghofbühne.

Saskia (Laura Götz), 17 Jahre alt. „Eine von denen“, wie sie es selbst formuliere würde, die ihren eigenen Channel haben, um die lieben Social-Media-Follower an ihrem tollen Partyleben teilhaben zu lassen. Aber was bleibt von Saskia, wenn sie offline ist? Einmal mehr hinterfragte die Burghofbühne in ihrer neuen Produktion „Augen voller Wahnsinn“ Schein und Sein, selbst kreiertes Image und wahres Ich von Jugendlichen in einer Lebenswelt, die durch die moderne Kommunikationstechnologie selbst elektronisch verstärkt und beschleunigt ist. Aber im Gegensatz zu den Jugendlichen von „Unter W@sser“ schaut man bei Saskia hinter die selbst gewählte „Bitch“-Fassade in „Augen voller Wahnsinn“. Am Freitag hatte das Einpersonenstück der niederländischen Theaterautorin Sanne Vogel im Rahmen der StudioStürmer-Reihe im Tenterhof Premiere. Regie führte Nadja Blank.

„Saskia, das toughe Mädchen“ ist eine Fassade. Im Inneren ist die 17-Jährige so mit Tränen gefüllt, dass sie nicht nur in sich selbst zu ertrinken droht. Sie spürt Fische in ihrem Kopf schwimmen. Es ist eine Halluzination, die für das psychotische Mädchen zu den einzigen „echten“ Gefährten wurde. Denn über die beiden Freundinnen zieht sie her, ihren Freund hat sie „entsorgt“, und der Hintergrund ihrer Unfähigkeit zu lieben, begleitet sie ihr ganzes Leben: Ihre Eltern hätten das schreiende Kind aufgegeben, als es drei Jahre alt war. Das Mädchen zog mit 16 von zu Hause aus, als die Eltern erneut Nachwuchs bekamen. Sie räumte das Feld für eine zweite Chance auf eine glückliche Familie. Eine Kapitulation.

Und nun? Auch Saskia träumt von einer zweiten Chance, einer intakten Mutter-Tochter-Beziehung. Und ihre Lösung ist „Es“. Schwanger von einem One-Night-Stand gibt sie sich dem Traum hin, dass eine Tochter ihr die Liebe geben könnte, die immer fehlte. Laura Götz verkörpert „Saskia“ und deren sich selbst hassendes, psychisch krankes Ich beeindruckend überzeugend. Zitternd und zugleich aggressiv in den Panikattacken und Wahnvorstellungen, voller Hoffnung und Liebe, wenn sie sich eine bessere Zukunft erträumt und entlarvend, wenn sie das Party-Girl gibt. Hat Saskia, deren psychische Krankheit wohl durch einen sexuellen Missbrauch in der Kindheit ausgelöst wurde, eine Chance im realen Leben? Wohl kaum. Als ihr klar wird, dass ihre Tochter sich eines Tages der Umklammerung entziehen wird, beginnt sie „Es“ zu hassen. Was ist zum Schluss real? Der Föhn in der Wanne oder die „weiche Luft“ im Kreißsaal, wo ein Engel die Liebe zwischen der Mutter und dem Neugeborenen bringen soll? Real ist der Applaus. Laura Götz muss nach ihrer starken Leistung mehr als ein halbes Dutzend Mal zurück auf die Bühne, um ihn entgegenzunehmen.

(bes)
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