Unsere Woche: Was für'n Karnevalshit "Seid verschlungen, Millionen"

Unsere Woche: Was für'n Karnevalshit "Seid verschlungen, Millionen"

Wenn im Rathaus die Stimmung überkocht. Einblicke in eine geheime Geheimsitzung.

Ja, Helau erstmal in diesen jecken Tagen. Am Donnerstag haben also die Narren die Macht in den Rathäusern übernommen. Die Stadtoberen haben ihnen nach mehr oder weniger heftigem Widerstand die Schlüssel zu den Verwaltungsburgen ausgehändigt. Ja, ich weiß. Manche von Ihnen werden das nun mit dem Hinweis kommentieren: Na und? Was hat sich da jetzt groß geändert? Aber halt! Sparen Sie sich Ihren Sarkasmus!

Sicher, oberflächliche Beobachter könnten gelegentlich den Eindruck gewinnen, dass es in den Rathäusern auch außerhalb der Session jeck getrieben wird, doch der Eindruck täuscht. Das Ganze folgt dann doch zumeist einem klug ersonnenen Plan, und wenn nicht, dann war eben genau das der Plan. Dinslakens Bürgermeister Michael Heidinger hat das am Donnerstag in nichtöffentlicher Prunksitzung im Anschluss an den närrischen Rathaussturm noch einmal ganz deutlich klargestellt. Auch wenn die Sitzung hinter verschlossenen Türen stattfand, blieben die Inhalte nicht lang geheim.

Der Rheinischen Post ist aus gewöhnlich ungewöhnlich gut informierten Kreisen ein Mitschnitt der Rede zugespielt worden, zu der Michael, Dinslakens Allererster, mal wieder in seiner gewohnt dynamischen Art in die Bütt gestiegen ist. Wir dokumentieren den Ablauf der entscheidenden Passagen der denkwürdigen Sitzung:

"Wohlan, ihr Narren, merket auf, ich hab' grad einen irren Lauf, die Stadt lebt fortan in Saus und Braus, ich geb mit vollen Händen die Millionen aus. Das war mein Plan von Anfang an. Wird euch jetzt angst oder gar bang? Na dann kapiert ihr einfach nix. Das Geld muss raus, und zwar ganz fix, denn Schulden machen kost' ja nix."

Just an dieser Stelle war dann der Zeitpunkt gekommen, an dem die jecke, aus führenden Vertretern von Rat und Verwaltung - natürlich alle stilecht in Spendierhosen gewandet - zusammengestellte, musikalische Combo, dirigiert von Kämmerer Tom, dem ja auch noch größten Bauherren der Stadt, den ultimativen Karnevalshit der Session "Seid verschlungen, Millionen" intonierte. Dabei schmetterten die Sänger so inbrünstig, dass die geringfügige Abweichung vom Text Schillers, der Freude, der der Dichterfürst schließlich seine Ode gewidmet hat, keinerlei Abbruch tat und die erste Rakete der Sitzung gezündet werden konnte, was die närrische Musiktruppe sogleich dazu animierte, einen weiteren Hit zu Gehör zu bringen.

Der katapultierte die Stimmung dann endgültig in nachgerade überirdische Sphären. "Gründlich durchgecheckt steht die Stadt jetzt da und wartet auf den Start - alles klar! Experten streiten sich um ein paar Daten, die Crew hat da noch ein paar Fragen, doch der Countdown läuft." "Völlig losgelöst von der Erde" schwebte da das Rathausraumschiff wie weiland Peter Schillings Major Tom völlig schwerelos in die unendlichen Weiten, einer Gedankenwelt, die Dinslakens Otto Normalnarr nun einmal verschlossen bleiben muss.

Kaum hatte Michael der Allererste seine Rede fortgesetzt: "Das alles kommt euch komisch vor, ihr wollt, dass ich's erklär? Das fiel mir gar nicht schwer, doch hab ich erst noch andres vor. Es tut mir leid, fürs Plaudern bleibt mir keine Zeit. " Schon folgte der nächste Stimmungshit, dem Bürgermeister von Tim Bendzko geradezu auf den Leib geschrieben. "Muss nur noch kurz die Welt retten". Damit war das furiose Finale des jecken Auftritts des Rathauschefs vorbereitet.

"Gerad' erst weilt' ich im Reich der Mitte, dort hatten sie nur eine Bitte. Verrat uns das Erfolgsmodell, das deine Stadt nach vorne bringt. Ich hab das gern getan, da braucht es keinen, der mich zwingt. Sparen ist ein alter Hut, ich sag euch, ganz im Gegenteil: Im Schuldenmachen liegt das Heil. Da bin ich dabei und das ist gut. Ich sag's euch immer wieder, liebe Jecke: Dinslaken geht durch die Decke."

Ich wünsche ihnen eine angenehmes Wochenende und glauben Sie bloß nicht, dass Aschermittwoch alles vorbei ist.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: joerg.werner@rheinische-post.de

(RP)