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Dinslaken: Vier Musiker und ein Todesfall

Dinslaken : Vier Musiker und ein Todesfall

„Mit meiner Bratsche sitze ich im Zentrum der Harmonie.“ Renate lügt. In ihrem Streichquartett geht es dissonant zu. Die vier Solisten, zwei Männer, zwei Frauen, piesaken sich bis aufs Blut. Ein schöner Stoff für ein Kammerspiel. Lars Helmer inszeniert „Die Beleidigten“ für die Burghofbühne.

Sieben Szenen, sechs Monologe und eine Videokamera. „Public Viewing“ im Theater ist nicht neu. So wie es Lars Helmer auf die Bühne bringt, entfaltet es jedoch einen eigenen Reiz. Der Blick des Zuschauers wird konsequent auf das Geschehen hinter den Kulissen gelenkt. Er erlebt die Musiker, die sich auf ihren ersten gemeinsamen Auftritt vorbereiten, ohne sie ein einziges Mal gemeinsam musizieren zu sehen.

Schwer vergeigt

Ulrich Hubs Schauspiel lebt von den Zwischentönen, von dem, was sich vor und nach der Probe ereignet. Es geht nicht um die Musik selbst, sondern um die Einstellung, die die Musiker dazu haben, ihre Auffassung von Dynamik und Bogenführung. Die ist so unterschiedlich, dass der Zuschauer von Anfang an merkt: Hier geht nichts, aber auch gar nichts zusammen. Das wiederum liegt zu einem nicht unwesentlichen Teil daran, dass Bratsche (Lena Münchow) und Cello (Esther Reubold) Schwestern und die Geigen (Thomas Hamm, Christian Furrer) ihre jeweiligen Lebenspartner sind. Dass sie alle mal etwas miteinander hatten, macht die Sache brisant.

Das Quartett streitet miteinander, und das nicht zu knapp. Mal paarweise, mal zu viert legen sich die Streicher in witzigen, pointenreichen und sehr schnellen Dialogen gegenseitig die Nerven blank.

Robert: „Irgendwann erwürge ich sie mit einer Darmseite.“ Florian: „Für diesen Zweck würde ich sogar eine von meinen opfern.“ Es sind Szenen wie diese, die dem Schauspiel die Schwere nehmen. „Hinzu kommt: Der Zuschauer ist stets schlauer ist als die Charaktere auf der Bühne“, sagt Lars Helmer. So kann er jeden Misston, den das Quartett aus den Saiten streicht, sofort erkennen. Ganz nebenbei entdeckt er, dass die vier ach so hochbegabten Individualisten, die sich hier als geniale Musiker verkaufen wollen, in Wahrheit lebensunfähige Sensibelchen sind. Sie flunkern, sie lügen und betrügen. Es wird viel gegessen in diesem Stück und noch mehr Dosenbier getrunken. Es wird auch viel monologisiert. Rückblickend bewerten Bratsche, Cello und die erste Geige vor laufender Videokamera den Selbstmord der zweiten Geige. Lars Helmer wirft die Aufnahmen direkt auf einen Fernsehschirm auf der Bühne. „Das hat etwas von einem Doku-Drama“, erklärte der Regisseur gestern bei der Probe im Tenterhof. „Der Zuschauer kann das Geschehen wahlweise live oder auf dem Bildschirm verfolgen.“

Eine einzige Szene wurde vorher aufgezeichnet. Es ist der Gang des Geigers in den Orchestergraben. Ein Gang ohne Wiederkehr. Der Musiker schneidet sich dort die Pulsadern auf.

Auch die Musik kommt an diesem Abend aus der Konserve. Sie dient als Einstimmung auf das Spiel, nicht mehr.

Ohne Instrumente

„Ich wollte die Schauspieler nicht an Instrumente binden, die sie nicht beherrschen“, sagt Lars Helmer. Denn die, die sie beherrschen, kommen in „Die Beleidigten“ nicht vor: Thomas Hamm spielt Trompete, Lena Münchow Blockflöte.

(RP)