Dinslaken: Tod im Ohrensessel

Dinslaken: Tod im Ohrensessel

In den Herzen wird‘s warm. Doch Harry friert. Er ist 50 und einsam. Weihnachten ist für ihn die Hölle. Harry entkommt ihr mit Schlaftabletten und Whisky. Für den Tod im Ohrensessel gab‘s kräftigen Applaus. Mit "Harrys Christmas" feierte die Burghofbühne die erste Premiere im Ledigenheim. Erwin Kleinwechter ist für Steven Berkoffs "Harry" die Idealbesetzung. Dass der Schauspieler eine große Bühne mühelos ausfüllt, hat er zuletzt eindrucksvoll im "Totmacher" bewiesen. Dort überzeugte er als Massenmörder Fritz Haarmann.

Diesmal spielt er einen Selbstmörder. Und das auf allerkleinstem Raum. Regisseur Lars Helmer hat seinem Protagonisten ein Wohnzimmer mit nur wenigen Requisiten auf die Bühne gestellt. Ein Sessel, ein Tischchen mit Zeitungen, eine Weinflasche, ein Glas, rechts der Kamin mit Weihnachtskarten, links an der Tür ein blinkender Weihnachtsstern. Mehr braucht Kleinwechter nicht.

Harrys Welt ist winzig, das Elend groß. Man sieht einen gestandenen Mann in Anzug und Weste, der vor dem Kamin ängstlich Weihnachtskarten zählt. Es sind erst sechs. "Noch vier, dann sind es zehn — ein vernünftiges Mindestmaß." Für Harry ist jeder Weihnachtsgruß ein Punkt auf der persönlichen Beliebtheitsskala. Deshalb schummelt er, stellt ein paar Karten vom Vorjahr dazu.

Selbstbetrug

Dieser Selbstbetrug ist nur einer von vielen. Da Harry allein zu Haus ist, gibt er ihn zu. Er führt Selbstgespräche, die auf der Bühne zu Zwiegesprächen mit seinem Gewissen werden. Das antwortet als Stimme aus der Dunkelheit, mahnt und treibt ihn an, gegen die Einsamkeit anzukämpfen. Doch Harry will nicht, weil er nicht kann. Als er es versucht, scheitert er kläglich. Die alten Freunde, die er anruft, interessieren sich nicht mehr für ihn. Klara, seine große Liebe, ist nicht zu Hause. Was bleibt, ist ein lästiger Pflichtbesuch bei seiner Mutter. Und als Geschenk: Käse mit Löchern und frische Gurken. Ein erbärmlicher Ersatz für Freundschaft, Gespräche, Liebe und ein bisschen Wärme, nach der er sich so sehnt.

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Harry begehrt auf, bettelt wie ein kleines Kind um Weihnachtsplätzchen, schlägt wütend die geballten Fäuste gegen die Wand, brüllt gegen das Alleinsein an. Nichts hilft, kein Selbstmitleid ("Mein Leben ist ein Gestank, dem niemand zu nahe kommen will"), kein Zynismus ("Weihnachten sitzt Oma wieder furzend in einer Wolke aus 4711, während sie langsam vor sich hin stirbt"). Nicht einmal Alkohol. Harry bleibt bis zum Ende der kleine, feige Wurm, der vergeblich versucht, "dem schlimmsten Tag des Jahres" zu entfliehen.

Erwin Kleinwechter gibt diesem Wurm Würde, indem er konsequent auf Übertreibungen verzichtet und auch keinerlei Klischees bedient. Hier wird nicht betrunken umhergestolpert und gelallt, es wird auch kein Mobiliar zerschlagen. Hin und wieder gibt es sogar etwas zu lachen. Lars Helmer moralisiert nicht, er zeichnet Harry als ganz normalen, verzweifelten Mensch, der so einsam ist wie viele Harrys dieser Welt. Man kann ihn bemitleiden oder auch nicht. Er ist nichts Besonderes.

Er träumt sich zu den Sternen

Die Schlussszene zeigt ihn in Jogginghose und Unterhemd, auf dem Kopf eine alberne rote Bommelmütze. Während Bing Crosby den Schnee von den Tannenspitzen schmalzt, träumt er sich mit Whisky und Tabletten zu den Sternen. Das Klingeln des Telefons, das die stille Nacht zerschneidet, hört er nicht mehr. Ist es Klara? Eine Antwort bekommt auch der Zuschauer nicht. Die Bühne bleibt dunkel. Viel Beifall, vereinzelte Bravo-Rufe. Ein beeindruckender Theaterabend.

(RP)
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