Lokalsport: Die unsichere Zukunft des Fabjon Marku

Lokalsport: Die unsichere Zukunft des Fabjon Marku

Dem Spieler des Fußball-Bezirksligisten RWS Lohberg und seiner Familie droht die Abschiebung. Kontakte zu Oberligisten.

Leicht fällt es ihm nicht, über Vergangenes zu sprechen. Wenn sich Fabjon Marku an frühere Episoden seines Lebens erinnert und davon berichten soll, dann spricht er noch leiser als ohnehin schon. Dieser junge, stattliche Kerl haucht dann Wort für Wort, bedacht und sorgsam. Selten schaut er seinem Gegenüber in die Augen.

In seinem jungen Leben hat Marku schon einiges erlebt. Vor zwei Jahren, mit 19, verließ er seine Heimat. In Albanien hielt ihn nichts mehr. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder, seinem Vater und seiner Mutter floh Fabjon Marku in Sommer 2015 nach Deutschland. "Wir haben die Fähre benutzt, um von Albanien nach Italien zu kommen", sagt er. "Mit dem Zug sind wir dann nach Deutschland gefahren." Den Grund dieser heimlichen Ausreise nennt er kurz und prägnant: "Weil mein Vater Probleme hatte." Er besaß in Albanien ein Schuhgeschäft. Um neue Ware kaufen zu können, ließ er sich einen hohen Kredit auszahlen. Er investierte, die teure Schuhware wurde kurz nach der Lieferung allerdings gestohlen.

Den Kredit konnte Fabjons Vater nicht mehr zurückzahlen. Er stürzte in den finanziellen Ruin. Fabjon spielte damals für den albanischen Fußball-Erstligisten Dinamo Tirana. Monatlich bezog er ein für dieses arme Land außergewöhnliches Gehalt in Höhe von 400 Euro. Geld, das den Lebensunterhalt der Familie zu großen Teilen deckte, aber nie und nimmer reichen konnte, um die Schulden des Vaters zu begleichen.

Der Familie wurde gedroht, ihm und seinem Vater gar "wehgetan", wie Fabjon Marku stockend berichtet. Aus Angst floh die Familie nach Deutschland, in der Fliehburg wurden die vier Albaner einquartiert. Im Asyl-Erstgespräch indes, zu dessen Antritt Geflüchtete verpflichtet sind, habe sein Vater nur die halbe Wahrheit gesagt. Aus auch für Fabjon unerfindlichen Gründen gab sein Vater lediglich an, finanzielle Probleme und Perspektivlosigkeit hätten zur Flucht geführt. Nicht aber, dass Gefahr für Leib und Leben bestanden hätte - und auch weiterhin möglicherweise bestehe.

RWS-Chef Ali Acabuga fragte Fabjon kurz nach seiner Ankunft in Deutschland, ob er bei Rot-Weiß Selimiyespor spielen wolle. Der Albaner nahm dieses Angebot dankend an. "Fußball ist mein Leben", sagt er. Schnell fand er in der Mannschaft Anschluss. Ein Jahr habe es allerdings gedauert, so Acabuga, bis Fabjon ihm lückenlos die Beweggründe seiner Flucht nannte. "Er ist eher introvertiert. Es ist ihm sehr schwergefallen. Nach einem Jahr hatte er genug Vertrauen", erzählt Acabuga. "Albanische Familien kann man mit türkischen Familien vergleichen. Der Vater hat meist das letzte Wort." Fabjons Vater sei stur, "er ist wie eine verschlossene Truhe". Fabjon habe sich lösen müssen von seinem Vater, dann habe er sein gesamtes Leben offengelegt. "Davor habe ich großen Respekt. Er ist grundehrlich - und eigeninitiativ. Das Erste, was er von mir haben wollte, war ein Wörterbuch. Er macht Fortschritte." Der kleinste Marku geht seit zwei Jahren eifrig zur Schule, "er spricht schon sehr gut Deutsch", sagt Fabjon, der große Bruder, stolz. Kurz huscht ein Lächeln über seine Lippen.

Die Verantwortlichen von RWS Lohberg zögern nicht, sie kümmern sich. Fabjon begleiteten sie zum Bundesverwaltungsgericht. Dort wollte der junge Albaner die Aussage seines Vaters ergänzen. Das Problem: Diese Aussage darf nicht mehr verändert werden. "Das Bundesverwaltungsgericht sagt, maßgebend sei das erste Interview", berichtet Acabuga. Fabjon Markus Versuch wurde abgeblockt. Der Familie droht, da Albanien als sicheres Herkunftsland gelistet ist, die Abschiebung.

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"Es ist eine große Belastung für ihn", sagt Bahri Haciimamoglu, zweiter Vorsitzender des Lohberger Vereins und hauptberuflich Sozialpädagoge in Oberhausen. "Es wäre ja nicht das erste Mal, dass Leute in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Hause geschickt werden. Dass diese Ängste auch bei ihm und seiner Familie existieren, ist kein Geheimnis." Er ergänzt: "Und das jagt uns natürlich auch Angst ein. Nicht, weil wir einen Spieler, sondern einen sympathischen Menschen verlieren würden, den wir wirklich ins Herz geschlossen haben." Acabuga betont: "Er ist toller Typ. So wie er sich darstellt, ist er jeden Einsatz wert. Ich glaube ihm das, was er sagt." Er wünscht sich, "dass Fabjon eine richtige Chance bekommt und dass die Situation neu bewertet wird". Ob das möglich sei, könne er nicht sagen.

Die Familie Marku führt ein ungewisses Leben. "Sie wissen nicht, was morgen ist", so Haciimamoglu. "Wir versuchen, ihnen diese Ängste irgendwie zu nehmen." Und eine Perspektive zu bieten. "Mein Vater findet keinen Job", sagt Fabjon und schüttelt den Kopf. Er selbst hat eine Ausbildung in einer Tankstelle sicher. Doch auch hier hakt es: "Vor sechs Wochen haben wir gemeinsam mit ihm die Arbeitserlaubnis beantragt", sagt Acabuga. "Die Erlaubnis ist aber immer noch nicht eingetroffen." Um sich integrieren zu können und "um seine Rolle hier zu finden, wäre es natürlich sehr wichtig, dürfte Fabjon arbeiten", erläutert Haciimamoglu. "Wir hoffen, dass das bald unter Dach und Fach ist."

Acabuga ist diese Ausbildung besonders wichtig. Nicht ausschließlich, da der junge Albaner der Laufzeit des Ausbildungsvertrages entsprechend nicht abgeschoben werden dürfte. Sondern vor allem, da der 21-Jährige "dann zumindest etwas gelernt hätte, etwas mitnehmen könnte, wenn er wirklich irgendwann mal zurück nach Albanien muss. Seinen Lebensunterhalt könnte er sich dann dort verdienen."

Für die Ausbildungsstelle ist Fabjon Marku dankbar, das bestätigt er mit Nachdruck. Am liebsten spielt er indes Fußball. Und würde sich gern auf höherem Niveau messen. "Die Klasse für die Oberliga hat er allemal", sagt Acabuga zu Recht. Denn: Wer diesem 1,89 Meter großen Hochbefähigten mal zusieht, dem bleibt seine Qualität nicht verborgen. Auffällig ist sein präzises Passspiel und seine Gelassenheit bei eigenem Ballbesitz. Zudem ist Marku torgefährlich. In der noch andauernden Bezirksliga-Saison erzielte er, immerzu primär defensiv als Innenverteidiger oder Sechser beschäftigt, elf Treffer. Bei einigen Oberligisten wurde er bereits vorstellig, unter anderem beim TV Jahn Hiesfeld und dem VfB Homberg. Ein Hemmnis bei den Vertragsgesprächen ist häufig, dass niemand weiß, ob und wie lange er in Deutschland bleiben darf. Mit dem FSV Duisburg waren sich RWS und Marku bereits handelseinig, dieser Verein verpasste indes den Oberliga-Aufstieg. Marku hätte einen gut dotierten Vertrag unterzeichnen können. "Wenn er irgendwo die Möglichkeit bekommt, höherklassig zu spielen und dort Geld zu verdienen, dann soll er das unbedingt machen", sagt Haciimamoglu. Sportlich würde der Verlust zwar schmerzen, aber "darum geht's nicht. Es geht um seine Zukunft."

Und diese ist dramatisch unklar. Wie es für Marku und seine Familie weitergeht, wissen sie alle nicht. "Es kann sein, dass die Familie in einer Nacht abgeholt wird. Briefmarke drauf, und ab die Post", sagt Acabuga. Dabei verfinstert sich seine Miene merklich. Unter keinen Umständen wolle er zurück nach Albanien, verdeutlicht Fabjon Marku. Seine Zukunft sieht er in Deutschland. Bis eine (womöglich endgültige) Entscheidung fällt, bleibt das Leben der Markus ungewiss.

(RP)
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