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RP-Sommerinterview Dechant Gregor Kauling: Reden wir mal über Stadtplanung

RP-Sommerinterview Dechant Gregor Kauling : Reden wir mal über Stadtplanung

In den RP-Sommerinterviews reden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens über Themen, zu denen sie sonst nicht befragt werden. Der leitende Pfarrer der Sankt-Vincentius-Gemeinde spricht über eine "alte, aber bleibende Leidenschaft".

Pastor Kauling, reden wir mal nicht über die Kirche oder Ihre Gemeinde, reden wir mal über Stadtplanung. Sie sind nicht nur ein Mann der Kirche, Sie sind auch gelernter Stadtplaner. Was hat Sie an dem Thema so fasziniert, dass Sie dieses Fach studiert haben, bevor Sie sich für das Priesteramt entschieden haben?

Gregor Kauling Ich hatte in den Jahren am Halterner Gymnasium einen höchst engagierten Lehrer für Erdkunde und Sport. Meine persönlichen Interessen in den Bereichen Kunst, Politik, Geschichte und Geowissenschaften waren bei ihm sehr gut vertreten und aufgehoben. Es gelang ihm im Unterricht des Leistungskurses Erdkunde — bei aller menschlichen Nähe — einen sehr großen Anspruch an uns Schülerinnen und Schüler zu stellen, und dabei ein extrem hohes Wissensniveau zu vermitteln. Der praxisnahe Unterricht hat in mir eine Leidenschaft erweckt, zukünftig an der Gestaltung unserer dörflichen und urbanen Lebensräume mitzuwirken. Meine Wahl des Ingenieurwissenschaftlichen Studiums der Stadtplanung an der RWTH Aachen, das ich 1990 mit dem Diplom abschließen konnte, war durch diesen Erdkundelehrer sicherlich mit beeinflusst worden.

Mit dem unbefangenen Blick von jemandem, der noch gar nicht so lange in Dinslaken lebt — wie würden Sie die Qualitäten dieser Stadt beschreiben?

Kauling Dinslaken ist eine Stadt mit vielen bunten Facetten, deren Schwellenraum zwischen Niederrhein und Ruhrgebiet greifbar ist. Die Stadt und deren Sozialstruktur sind heterogen geprägt, was sich auch im Erscheinungsbild der Architektur im engeren Sinne und des städtebaulichen Raums im weiteren Sinne widerspiegelt. Dieser sehr uneinheitliche Lebensraum vermittelt Heimat für sehr vielfältige Bevölkerungsschichten, aus ganz unterschiedlichen Herkunftsländern, insbesondere auch aus Ost- und Südeuropa. Ich persönlich liebe die Altstadt rund um Burg, Altmarkt und Sankt Vincentius. Ich genieße die Natur am Rotbach oder auf dem Deich am Stapp, die fast dörflichen Strukturen auf dem Fahrrad in Eppinghoven oder Oberlohberg und schätze auf der anderen Seite das Flanieren zur Marktzeit in der Lohberger Gartenstadt, die in mir viele Erinnerungen wachruft an die eigene studentischen Auseinandersetzung um den Erhalt von Werkssiedlungen im Aachener Nordkreis bis hinein in das Ruhrgebiet während der späten 80er Jahre. In Lohberg lässt sich bis heute vieles von dem nachempfinden, was die so genannte "Garden City Association", die 1899 unter anderem von Ebenezer Howard gegründet wurde, an kommunitärer Lebensqualität gewollt hat. Dinslaken hat einerseits einen urbanen Charakter, der auch die beginnende Industrialisierung des frühen 20. Jahrhunderts ausgehend von England und Belgien, mit den beiden Zechen Lohberg und Walsum, bis heute nachempfinden lässt. Andererseits streckt es sich nach Norden und Westen in die eher ländlichen Räume von Niederrhein und Westfalen aus. Eine für mich durchaus reizvolle Spannung. Gleichzeitig ist die gute Erreichbarkeit der großen Ruhrgebiets — und Rheinlandsmetropolen im Süden sowie der niederländischen Nachbarn nicht zu unterschätzen.

In Dinslaken — in der Innenstadt, auf dem ehemaligen Zechengelände — ist in Sachen Stadtentwicklung viel in Bewegung gekommen. Gefällt Ihnen das, was Sie sehen oder haben Sie auch Kritisches anzumerken.

Kauling Grundsätzlich finde ich es immer gut, wenn in der Stadtentwicklung Bewegung und auch Innovation spürbar und erlebbar ist. Mit Blick auf das ehemalige Zechengelände ist mein Wunsch, dass dieses riesige Areal auch in Zukunft die Geschichte, die es trägt, ablesbar werden lässt. Es ist wohltuend, dass im Augenblick zur Stadtphysiognomie immer noch der alte Förderturm zählt. Ich genieße auch zuweilen bei kulturellen Veranstaltungen, wie zum Beispiel die Extra-Schicht oder bei Kunstausstellungen, den Blick in die Glaskuppel oder auf der Galerie der alten Lohnhalle. Gleichzeitig ist auch klar, dass ich ein solches Gelände nicht nur museal erhalten kann, wenn es dauerhaft in den so genannten Nutzungskreislauf zurückgewonnen werden soll. Hier ist im "Kreativquartier" das gefragt, was der Name zum Ausdruck bringt.

Und wie steht's mit der Innenstadt?

Kauling Die Neutor-Galerie wird der Stadt Dinslaken eine ganz neue Aufenthaltsqualität schenken, mit einer enormen Dichte an Geschäften, Gastronomie und mit dem geplanten großen Kino sicherlich auch einen attraktiven Zugmagnet schenken, für das nähere Umland. Wie sich die Innovation am Neutor letztlich für die Innenstadt von Dinslaken als solches auswirken wird, mit Synergieeffekten oder auch mit einer eher kritisch zu bewerteten "Überkonkurrenz beziehungsweise Sättigung der Angebote" bleibt allerdings auch abzuwarten.

Die Stadtplanung steht angesichts der demografischen Entwicklung und einer immer älter werdenden Gesellschaft vor großen Herausforderungen, wobei es ja nicht nur um barrierefreies Wohnen geht, sondern um ganz grundsätzliche Fragen von Lebensqualität, die eine Stadt zu bieten hat. Wie sähe für Sie die Stadt der Zukunft aus.

Kauling Die Charta von Athen wurde auf dem IV. Kongress des so genannten "Congrès International d'Architecture Moderne (CIAM)" 1933 maßgeblich durch den französischen Architekten Le Corbusier mit entwickelt. Es ging seinerzeit um die Stadt der Moderne, welche die Daseinsgrundfunktionen des Menschen, zu wohnen, zu arbeiten, am Verkehr teilzunehmen, Kultur und Sport zu pflegen, grundsätzlich voneinander trennte. Es entstanden die uns allen bekannten "Trabanten" beziehungsweise in Fehlinterpretation der Charta die so genannte autogerechte Stadt. Die heutige moderne Stadtentwicklung hat sich seit gut 25 Jahren von dieser Vision komplett getrennt, da Lebensräume entstanden, die zu bestimmten Zeiten "menschenleer bzw. entseelt" erschienen. Ich persönlich glaube daher, dass der Mensch in seinen verschiedenen Altersbezügen seine Grundfunktionen des Lebens in einer überschaubaren Erreichbarkeit und einem festen Bezugsrahmen leben sollte. Gleichzeitig ist eine gute Durchmischung der Raumnutzungen angesagt. Immer wichtiger werden in den urbanen Räumen die Möglichkeiten des auch kommunitären Zusammenlebens. Einerseits sehnen sich sowohl ältere als auch jüngere alleinstehende Menschen, von denen unsere Gesellschaft prozentual immer mehr hat, nach den "eigenen vier Wänden", mit Abstand und eigener Privatsphäre, andererseits sind regelmäßige Treffen und Begegnungen gewünscht, die ein zwangloses, nicht geplantes, Miteinander ermöglichen sollten.

Auf Dinslaken bezogen würde das bedeuten . . .

Kauling Die Vereinsamung von Menschen ist auch in einer verhältnismäßig kleinen Stadt wie Dinslaken nicht zu unterschätzen. Bei der Neukonzeption oder Umgestaltung von innerstädtischen Wohnebenen sollte diesem neueren Grundbedürfnis einer immer größer werdenden Zahl von Menschen, besonders der Singles, Rechnung getragen werden. Es gibt hier, gerade in Berlin oder auch in Hamburg schon sehr gelungene Modelle, die auch die Sozialkompetenz des Menschen fördern.

JÖRG WERNER FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

(RP)