Sommerinterview: Reden wir doch mal über Zwilling sein

Sommerinterview: Reden wir doch mal über Zwilling sein

Die Öffentlichkeitsarbeiterin des Evangelischen Klinikums Niederrhein, zu dem auch das Evangelische Krankenhaus in Dinslaken gehört, ist nicht nur dem Sternzeichen nach ein Zwilling.

Frau Beyer, Sie sind die Schwester von Sabine Weiss, die als christdemokratische Abgeordnete dem Deutschen Bundestag angehört und dort auch für Voerde und Hünxe zuständig ist. Sie beide sind Zwillinge, geboren am 26. Mai 1958. Was für Zwillinge sind Sie?

Gabriele Beyer Wir sind eineiige Zwillinge. Und zwar so was von eineiig, wie es nur eben geht. Meine Schwester spendete vor einigen Jahren Knochenmark. In dem Zusammenhang wurde auch ich von der Universitätsklinik Düsseldorf angeschrieben und sollte mich typisieren lassen. Das tat ich. Dabei stellte sich heraus, dass Sabine und ich bis ins kleinste Detail vom Blut her genetisch identisch sind. Vom Sternzeichen her sind wir ebenfalls Zwillinge — also doppelte Zwillinge, wenn man so will. Mein Vater hatte sich damals einen Sohn gewünscht, den bekam er aber erst zwei Jahre später, als unser Bruder geboren wurde.

Wer erblickte zuerst das Licht der Welt, Sie oder Ihre Schwester?

Beyer Meine Schwester, sie wurde 35 Minuten vor mir geboren.

Wie haben Ihre Eltern sich damals auf die Zwillingsgeburt vorbereitet?

Beyer Gar nicht. Sie wussten vorher nicht, dass sie Zwillinge bekommen würden. Als die Geburt bevorstand, ist meine Mutter ganz unbefangen in den Kreißsaal gegangen. Es war eine ewig lange Geburt. Nachdem meine Schwester da war, warteten alle auf die Nachgeburt. Die Hebamme hörte den Bauch meiner Mutter ab und meinte dann, dass da noch jemand auf die Welt wolle. Und das war ich.

Von Zwillingen heißt es, es gebe eine tiefe Verbundenheit zwischen ihnen. Wie macht sich das bemerkbar?

Beyer Diese innere Verbundenheit gibt es tatsächlich. Zwillinge erleben viele Sachen gleichzeitig, ohne es zu wissen. Das war beispielsweise bei der Knochenmarkspende meiner Schwester so. Eine solche Spende ist eine äußerst schmerzhafte Angelegenheit. Als meine Schwester damals in der Uniklinik Düsseldorf spendete, habe ich sie begleitet, als wandelnde Blutkonserve sozusagen. Ich musste dann aber nach draußen in den Park gehen und habe mich dort auf eine Bank gelegt, weil auch ich es vor Schmerzen einfach nicht aushalten konnte, obwohl ich nichts hatte. Als ich meine Kinder bekam, litt meine Schwester jedes Mal unter Schmerzen, wenn bei mir die Wehen einsetzten.

Wie ist es mit dem Aussehen als Zwilling?

Beyer Als Kinder waren wir uns noch ähnlicher. Allerdings ist meine Schwester immer etwas größer als ich gewesen, sie ist ja auch die Ältere. Von den Neigungen her unterscheiden wir uns seit jeher. Während ich eine richtige Puppen-Mama war, spielte meine Schwester lieber mit Ritterfiguren. Und wenn wir zusammen Indianerstamm spielten, war sie der Häuptling und ich die Squaw. Führung war schon immer ihr Ding. Klar, dass sie später auch Schülersprecherin auf dem Abteigymnasium Hamborn war.

Konnten andere Menschen Sie beide auseinanderhalten?

Beyer Die Lehrer hatten schon Schwierigkeiten, uns zu unterscheiden. Ich habe auf der rechten Wange ein Muttermal, daran konnten sie uns dann auseinanderhalten. Manchmal haben wir in der Schule die Plätze getauscht. Ich habe das Muttermal dann überschminkt und meine Schwester hat sich eins aufgemalt, das hat prima funktioniert. Unsere Freunde haben uns nie verwechselt, wir haben allerdings auch einen anderen Männergeschmack. Immer mal wieder werde ich auf der Straße von mir fremden Menschen freundlich gegrüßt, die nicht mich, sondern meine Schwester kennen. Ich grüße natürlich stets freundlich zurück. Es ist witzig, dass wir identische Stimmen haben. Unsere Mutter hat Schwierigkeiten, uns am Telefon zu unterscheiden, wenn wir uns nicht mit dem Vornamen melden.

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Haben Sie und Ihre Schwester als Kinder die gleichen Sachen getragen?

Beyer Meine Mutter hat uns gleich angezogen. Als Kleinkinder war uns das noch egal, später aber nicht mehr. Dann haben wir versucht, uns voneinander zu unterscheiden. Meine Schwester ließ sich einmal sogar eine Miniplie-Frisur machen, obwohl ihr die gar nicht stand.

Was unterscheidet Sie beide?

Beyer Wir haben unterschiedliche Vorlieben, das bezieht sich beispielsweise auf Kleidung und Hobbys. Wir haben auch andere Freunde. Ich könnte mir nie vorstellen, keine Kinder zu haben. Meine Schwester Sabine hat eine sehr innige Beziehung zu meinen drei Kindern. Sie sagt, dass sie keine eigenen Kinder braucht, da ich auch ihre Gene meinen Kindern mitgegeben habe. Für mich wäre es zudem undenkbar, wie meine Schwester im Bundestag zu sitzen. Unsere Leben unterscheiden sich doch sehr.

Gibt es Momente, wo man kein Zwilling sein möchte?

Beyer Solche Momente gab es. Als Kind hätte ich gerne mal allein Geburtstag gehabt und wäre an Tagen wie dem ersten Schultag oder der Kommunion gern allein die Hauptperson gewesen. Aber ein Leben ohne meine Schwester kann ich mir nicht vorstellen, das wäre eine Katastrophe.

Sie sind also gern ein Zwilling.

Beyer Ja, meine Schwester ist auch eine ganz Liebe, ein sehr sozialer Mensch mit einem starken Charakter. Wenn wir mal eine Meinungsverschiedenheit haben, können wir das beide gar nicht ertragen.

Gibt es ein Zwillings-Erlebnis, über das Sie schmunzeln müssen, wenn Sie sich daran erinnern?

Beyer Das liegt schon etwas zurück. Damals studierte Sabine Jura in Bochum, ich Germanistik und Romanistik in Düsseldorf. Als Weihnachtsgeschenk kaufte ich für meine Schwester eine Daunenjacke. Bei der Bescherung stellte sich dann heraus, dass sie für mich die gleiche Jacke gekauft hatte. "Das ist bei Zwillingen wohl so", sagte meine Freundin Ute erstaunt.

HEINZ SCHILD FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

(RP)
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