Mirko Schombert inszenierte für die Dinslakener Burghofbühne „Extrem laut und unglaublich nah“

Theater in Dinslaken: Das Verstummen gegenüber Gefühlen

Mirko Schombert inszenierte für die Burghofbühne „Extrem laut und unglaublich nah“ nach dem Roman von Jonathan Safran Foer: Es war sehr stark und unglaublich rhythmisch-verdichtet.

Oskar (Julia Sylvester) hörte die Stimme seines Vaters in Echtzeit auf dem Anrufbeantworter: „Bist du da?“ Oskar war da, aber er schaffte es nicht, zu sprechen. Elfmal fragte der Vater. Dann war es 8.28 Uhr am 11. September 2001, dem „allerschlimmsten Tag“, wie ihn Oskar seitdem nur noch nennt. Und man hört das Schlucken im Saal und spürt, dass sich für jeden ein weiteres, im kollektiven Gedächtnis eingebranntes Bild eines in sich einstürzenden brennenden Wolkenkratzers über die ohnehin schon dichte Inszenierung von „Extrem laut und unglaublich nah“ legt.

Der Verlust eines geliebten Menschen, das Schuldgefühl, im entscheidenden letzten Moment versagt zu haben, aber auch die daraus resultierende Chance, es besser zu machen und sich gegenüber anderen Menschen zu öffnen, sind Grundmotive des Romans „Extrem laut und unglaublich nah“ von Jonathan Safran Foer, den Mirko Schombert für die Burghofbühne nach einer Fassung von Peter Helling auf die Bühne brachte. Es ist ein komplexer, mit Themen, Bildern, Zitaten, aber auch psychologischen Allgemeinplätzen fast überfrachteter Text. Mirko Schombert gelang es mit seinem Ensemble, diese Dichte über die gesamte Zeit zu rhythmisieren, ihr jenen Pulsschlag zu geben, den Oskar gerne für alle Menschen hörbar machen würde.

Ein Stilmittel ist es, den neunjährigen Oskar, in dessen Innerem parallele, ständig alles vermessene und zählende Denkprozesse ablaufen, neben Julia Sylvester auch von Philipp Pelzer und Malte Sachtleben spielen zu lassen: eine Triobesetzung mit einer Melodie und zwei Begleitstimmen. Das zweite ist  die Einbindung von Livemusik auf der Bühne. Jan Exner spielt Oskars Vater wie auch seinen Großvater, der  beim Bombenangriff auf Dresden Eltern und die schwangere Freundin verlor und seitdem keine Angst vor dem Tod, sondern vor dem Leben hat. Von Exner stammt aber auch der Soundtrack, den er mit den anderen Darstellern live spielt. Ein Schlüsselbild dafür: Oskars Opa tanzt mit der Oma (Christiane Wilke in einer Doppelrolle, sie spielt auch die Mutter), die die Schwester seiner verstorbenen Geliebten ist, führt dabei ihre Hände in weiten Bögen. Dies wird vom Theremini, einem Musikinstrument, das über eine Art hochsensiblen Bewegungsmelder gesteuert wird, in Klänge umgesetzt. Seit Oskar nach dem Tod des Vaters in einer Vase, die er versehentlich zerschlug, einen Schlüssel und einen Zettel mit dem Namen „Black“ fand, klammert er sich an die Vorstellung, dass dies eine Art Botschaft ist: Die Suche nach dem passenden Schloss als Schlüssel zu anderen Menschen, vor allem aber, um den Vater als Spielgefährten der Suche lebendig zu halten.

Oskar schwankt beständig zwischen Phobien und Selbstverletzung einerseits und einer gewinnenden Offenheit gegenüber anderen Menschen. Zudem ist er Erfinder. Und fast alle seine Erfindungen drehen sich um sein Trauma nach dem nicht beantworteten Anruf, um den einen Wunsch, Gefühle für andere besser sichtbar zu machen. Das erfuhr das Premierenpublikum am eigenen Leib: Zuschauer liehen ihre Vornamen der vielen Blacks, die Oskar auf der Suche nach dem passenden Schloss trifft, sollten aber auch ihre eigene Stimmungslage auf einer Skala von eins bis fünf offenbaren. Natürlich gab sich keiner die „Blöße“, dass es ihm schlecht ginge.

Die Figuren auf der Bühne zeigen ihr Verstummen gegenüber Gefühlen offen. Da sind die beiden Blacks, die jeweils nach dem Tod ihrer Partner jede Bodenhaftung verloren und seitdem die oberen Stockwerke ihrer Hochhäuser nicht mehr verlassen haben. Da ist der stumm gewordene Opa, aber auch die Oma, die ihn gegenüber der Familie verschweigt. Da ist die Mutter, die nur heimlich Oskars Suche organisiert, ihm gegenüber dagegen entfremdet wirkt.

Leere Briefseiten in einem leeren Sarg sind das letzte Bild dieses so wortreichen Stücks über den Schlüssel zum Leben und Weiterleben. Oskar, der in der „Hamlet“-Inszenierung der Schule den „Yorrick“, oder besser: Yorricks Schädel, das wohl berühmteste Requisit der Theatergeschichte, „spielt“, gelingt es, viele Herzen zu öffnen. Und dazu gehörten wohl auch die des Premierenpublikums.

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