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Dinslaken: Martin Luthers Tischreden über Gott und die Welt

Dinslaken : Martin Luthers Tischreden über Gott und die Welt

"Rendezvous nach Ladenschluss" zu später Stunde: Karl-Heinz Tackenberg fragte und Ronny Schneider antwortete.

Draußen vor der Stadtkirche wurden Käsehäppchen serviert, drinnen stieß Gerhard Greiner mit einem Glas Rotwein an: Das "Rendezvous nach Ladenschluss" des Fördervereins Kultur und Evangelische Kirche in Dinslaken feierte sein Fünfjähriges mit einer besonderen Veranstaltung. Denn im Rahmen des Reformationsjubiläums war es Martin Luther selbst, der auf die Fragen von Pfarrer im Ruhestand Karl-Heinz Tackenberg Antwort gab. Und dieser bat nicht nur um theologischen Beistand bei Themen wie Gottes Gerechtigkeit, Erlösung oder auch dem eigenen Tod. Er fragte auch nach, wie es der Reformator mit dem Essen und dem Trinken hielt.

Und Luther antwortete: Ronny Schneider las aus den überlieferten "Tischreden", in denen Luther zu unterschiedlichen Gelegenheiten, unter anderen bei geselligen Vortragsabenden in seinem Privathaushalt, zu den verschiedensten Themen Stellung bezog. So erfuhren die vielen Besucher in der Stadtkirche nicht nur, dass Luther das "immer mehr" der Menschen zwar scharf kritisierte: "Das ist der Teufel mit uns, dass wir nie genug haben...", aber einem gesunden Genuss keineswegs abgeneigt war: "Ess, worauf du Lust hast, auch wenn die Welt sich darüber ärgert."

Da wundert es auch nicht mehr, dass Luther, wohl halb im Scherz, erklärte, bevor er über Noahs Trunkenheit predige, müsse er, um diese richtig beurteilen zu können, erst selbst kräftig zu tief ins Glas schauen. Luther, der das Leben genießt: wohl eine Reaktion auf das Fastenpredigen der katholischen Kirche ebenso wie auf seine strenge, von Schlägen begleitete Erziehung, von der er in den Tischreden auch berichtete.

Stritten sich Adam und Eva in ihrer Ehe noch lang über die Sache mit dem Apfel? Hätte er seine eigene Käthe geheiratet, wenn er eine bessere Frau gefunden hätte? Manches Zitat amüsierte, weil es so derb und respektlos klang. Aber man muss den Kontext sehen und diesen zeigten die beiden Pfarrer in ihrem Frage- und-Antwortspiel. Luther war zutiefst getragen von einem Gott, der kein strafender Richter ist, sondern die Menschen so überreich beschenkt, dass sie den Wert dessen, was sie erhalten, gar nicht mehr erkennen. "Gott will, dass wir freudig sind", ist Luthers Botschaft, "und es gibt genug, an dem wir uns freuen können." Sich selbst freuen und anderen verzeihen: Letzteren Gedanken griff Gerhard Greiner zum Schluss noch einmal auf.

Eine besondere Freude empfand Martin Luther an der Musik, "der Königin aller Bewegungen des Herzens". Und so war am Dienstag auch das Publikum eingeladen, begleitet von Daniela Grüning an der Orgel, in "Nun freut euch, liebe Christen gmein" und "Die beste Zeit im Jahr ist mein" mit einzustimmen. Zwischen den Textblöcken spielte sie Musik von Johann Praetorius, einem norddeutschen Meister des Kontrapunkts im Frühbarock.

(bes)