Dinslaken: Märchenhafte Liebe, romantische Klänge

Dinslaken: Märchenhafte Liebe, romantische Klänge

Werner Seuken las in der Dorfkirche Hans Christian Andersens, der Mandolinenverein Harmonie begleitete ihn.

Die Märchensammlungen der Gebrüder Grimm und von Hans Christian Andersen sind die bekanntesten des 19. Jahrhunderts und könnten doch nicht unterschiedlicher sein: Während die Grimms Geschichten nacherzählten, die sie dem Volk ablauschten, schöpfte der dänische Dichter allein aus seiner Seele. Er verwandelte seine Liebe, seine Sehnsüchte, seinen Kummer im Leben und seinen Glauben an die Unsterblichkeit in Märchenfiguren, die so universal denken, fühlen und leiden, dass er, der Zeit seines Lebens im Innersten ein Außenseiter bleiben musste, bis heute Menschen jeden Alters berühren kann.

Am Samstag spürte Werner Seuken Hans Christian Andersen in dessen Briefen und in dessen wohl bekanntester Erzählung von der kleinen Seejungfrau nach. Er folgte damit in der Dorfkirche Hiesfeld einer Einladung der Buchhandlung Kaleidoskop, dem Salon Hairstyling by Lutz und dem Mandolinenverein "Harmonie", dessen Orchester unter der Leitung von Michael Jakob den Abend auch musikalisch gestaltete.

Es waren romantische Klänge, die durch die gotische Kirche hallten: das Thema aus "Dr. Schiwago", Beethovens melodiöser wie emotionaler langsamer Satz aus der "Pathetique" und auch die Worte Hans Christian Andersens, die sich um unsterbliche Liebe rankten und Zurückweisungen, die von dem Dichter empfunden wurden wie der Tod. In Berichten und Briefen zeichnete Seuken Andersens Schwärmereien, seine Sehnsucht "Auch mich soll jemand küssen" - der Titel des Abends - , vor allem aber seine unerfüllte Liebe zu Edvard Collin nach. Der drei Jahre jüngere Jurist muss ein schroffer, akkurater und trockener Mensch gewesen sein, der den Dichter immer wieder auf Distanz hielt und damit schwer verletzte. Zumindest gab er sich so nach außen. Sein Vater offenbarte Andersen einmal, dass dieser Edvard in Wirklichkeit viel bedeute, er sich oft nach ihm erkundigen würde. Edvard Collin und Hans Christian Andersen blieben ein Leben lang Freunde, auch wenn die Situation für Collin nicht leicht gewesen sein mag: Er war Andersens große Liebe, eine Liebe, die er so nicht erwidern konnte - oder wollte.

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Andersen selbst kompensierte seine Gefühle durch Literatur. Gestand er im Brief "meine halbe Weiblichkeit", so wurde sein Alter Ego im Märchen zum Mischwesen aus Mädchen und Fisch. Und so wie Hans Christian Andersen als Junge aus ärmlichen Verhältnissen die Gesellschaft der Familie Collin suchte, die ihm Studium und Karriere ermöglichte, nimmt die kleine Seejungfrau alle erdenklichen Opfer auf, um ihrem Prinzen an dessen Hofe nahe zu sein. Dieser erwidert, wie Edvard, die Liebe nicht so, wie sie Erfüllung, und Rettung bringen würde.

Aber die Liebe der Seejungfrau ist nicht mit Leidenschaft zu verwechseln, neben der wahren Liebe treibt sie die Sehnsucht nach einer unsterblichen Seele. Durch den Beweis ihrer Liebe zum Prinzen wird sie auf eine höhere Stufe gehoben, kann, wenn sie die Liebe zu einem in allgemeine Menschenliebe und Nächstenliebe wandelt, den Weg in den Himmel finden. Eine Transformation im Märchen, mit der sich Andersen als erster aller späteren Leser Trost zugesprochen haben mag.

Applaus, aber auch gerührte Mienen in der Dorfkirche.

(RP)
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