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Dinslaken: Märchenhafte Klänge nach Ladenschluss

Dinslaken : Märchenhafte Klänge nach Ladenschluss

Die Jugend liebt einen irischen Krieger, die Alte trickst den Tod aus, und dazwischen läuft ein Sacknäher blindlings, aber fortwährend vor sich hinsingend, am Glück vorbei. Einfach märchenhaft und von Harfenklängen umspielt startete das "Rendezvous nach Ladenschluss" in der Evangelischen Stadtkirche in seine zweite Saison.

Bei den Stichworten "Harfe" und "Märchen" dürfte so mancher in der Region aufhorchen. Jörn-Uwe Wulf lebt zwar im norddeutschen Ahrensburg, aber bereitet den Großen und Kleinen hier im Raum regelmäßig zauberhafte Stunden.

Gerhard Greiner, Vorsitzender des Fördervereins Kultur und Evangelische Kirche in Dinslaken, ist regelmäßig Gast der Märchenabende in Hünxe. Sein Wunsch, die heiteren, aber auch sehr tiefsinnigen Erzählungen Wulfs und sein keltisches Harfespiel in Wechselwirkung mit der Dinslakener Barockkirche zu bringen. Eine Ergänzung, die nicht nur dem Publikum am Dienstagabend in der Stunde nach Ladenschluss von 18.30 bis 19.30 Uhr gefiel.

Er sei schon oft am Gotteshaus "vorbei geschlichen", habe aber nur Bekanntschaft mit dem "Teufel vor der Tür" gehabt, verriet Jörn-Uwe Wulf, ganz Märchenerzähler. Dienstag jedoch packte er seine Harfe aus und spielte bereits am späten Nachmittag eine Stunde ganz allein für sich in der Kirche, erfreute sich an der Akustik, die die Resonanz der Harfe verstärkte und sie besonders reich und warm klingen ließ. Im Schein des Lichts der bunten Fenster ließ er seine Gedanken schweifen. Abends hatten Wulfs zahlreiche Zuhörer teil an seinen bilderreichen Märchen und Liedern ohne Worte.

Und zwischen den lyrischen Harfenklängen war auch ein absichtlich etwas falsch gesungener Ohrwurm dabei. "Ich hab es selbst verstopft, ja ja...", singt der Sacknäher den lieben langen Tag vor sich hin, bis selbst der König der Sache nachgeht. Die Welt der Märchen des Jörn-Uwe Wulf ist nicht heil - aber sie haben eine heilende, wohltuende Wirkung. Darin liegt ihre Kraft. Und so wirken um die alten Fabeln neue Geschichten, die das Leben schreibt. Wie die der Hamburgerin, die in den 70er Jahren Erotikläden auf der Reeperbahn eröffnete und nun am dritten Herzinfarkt starb, den sie beim Rauchen auf der Krankenhaustoilette erlitt.

"Sie hat den Tod dreimal gerufen, wie die Alte im Märchen", sagte ihr Neffe, als Wulf bei der Beerdigung vom "Tod im Pflaumenbaum" erzählte. Er selbst habe erst durch das Märchen von den beiden bretonischen Bauern, die sich ganz praktisch über den Tod hinaus helfen, gelernt, was loslassen bedeute und wie hilfreich es sei. Solche Gedanken gab allerdings nur auf der metaphysischen Ebene. Von den Märchen selbst konnte keiner lassen. Und so endete die Stunde auch mit Greiners Versprechen, Wulf noch einmal einzuladen.

(RP)