Männer im Frauenberuf: Drei Erzieher aus Dinslaken berichten

Gute Voraussetzungen : Auch Eltern wollen Männer als Erzieher

Männliche Erzieher sind in Kindertagesstätten noch unterrepräsentiert. Doch immer mehr schlagen mittlerweile diese Laufbahn ein. Drei Mitarbeiter aus Dinslaken sprechen über ihre Erfahrungen im Arbeitsalltag.

Im Hintergrund die Kita Riemenschneiderstraße, im Vordergrund: drei Männer. Eine Besonderheit? In der Tat, denn nur vier männliche Erzieher arbeiten hier in städtischen Kitas. Das entspreche einem Anteil von 1,7 Prozent, sagt die Gleichstellungsbeauftragte Karin Budahn-Diallo. Damit liege Dinslaken hinter dem NRW-Durchschnitt von vier Prozent. Doch wählten „immer mehr Männer den Beruf“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte.

So auch Ali Bektas, der in der Kita Douvermannstraße arbeitet. Eigentlich wollte der 26-Jährige Lehrer werden, doch weil der Numerus Clausus (NC), die Zulassungsbeschränkung also, nicht passte und das Linguistikstudium ebenso wenig, begann er die Ausbildung zum Erzieher. Denn auch so trage er dazu bei, „die kindliche Entwicklung zu fördern“.

Auch Ben Skrzipietz versuchte sich zunächst im Lehramtsstudium, bis er nach der Geburt seines ersten Sohnes doch die Erzieherlaufbahn einschlug. Im vergangenen Jahr wurde er stellvertretender Leiter der städtischen Kita Riemenschneiderstraße. Auch Chris Schulze, ehemaliger Kfz-Mechatroniker, kam, wie er sagt, „auf Umwegen“ zur Kita Weyerskamp, in der er sein Anerkennungsjahr abschließt, weil er wegen eines Unfalls umschulen musste. „Diese Werdegänge sind typisch“, sagt Budahn-Diallo. Viele Erzieher probierten sich in anderen Berufsfeldern aus, ehe sie sich für die Ausbildung entschieden.

Doch warum sind es nicht noch mehr? Die Voraussetzungen seien eigentlich gut, sagt Budahn-Diallo. „Ich musste noch nie für einen Mann im Bereich Kita kämpfen. Es bedarf der Förderung nicht, das System nimmt sie auf.“ Auch Eltern wünschen sich männliche Erzieher, beobachtet Skrzipietz. Dass der Beruf für Männer weiterhin wenig attraktiv ist, liege vor allem daran, dass Erzieher ein „Sackgassen-Beruf“ mit niedriger Entlohnung und wenig Aufstiegschancen sei, meint Budahn-Diallo. Und das beeinflusse bei Männern stärker die Berufswahl als bei Frauen.

Ben Skrzipietz setzt trotzdem auf einen Job, der ihn erfüllt. „Ich gehe nach der Arbeit lieber glücklich nach Hause.“ Allerdings übt der 26-jährige Vater noch einen Nebenjob aus. Und fragt sich: „Warum verdienen wir so wenig im Vergleich zu Lehrern?“ Von vielen weiblichen Kitakräften habe er mitbekommen, dass diese einen Zuverdienst für die Familie leisten, während der Partner die klassische Versorgerrolle einnimmt.

Seitens der Kollegen und ihres Umfelds erhielten Skrzipietz und Schulze keine negativen Reaktionen auf ihren Beruf, sagen sie. Ali Bektas hingegen habe von Freunden die Frage gestellt bekommen, was er in einem „Frauenberuf“ mache. Traditionelle Rollenverteilungen innerhalb einer Familie wirkten sich auch auf die gesellschaftliche Einstellung gegenüber männlichen Erziehern aus, sagt Budahn-Diallo. Kindererziehung werde immer noch stets mehr von Frauen geleistet. Doch die Kommentare treffen Ali Bektas nicht, sagt er. „Ich weiß, was für mich richtig ist.“ In der Kita würden die Kinder zwar wahrnehmen, „dass ich ein Mann bin“. Einen großen Unterschied mache das aber nicht.

Und doch sagt Bektas: „Vielen Kindern fehlt in der Kita ein männliches Rollenvorbild.“

Dass männliche Kitamitarbeiter unter latentem Verdacht des Kindesmissbrauchs stehen, haben die drei Erzieher selbst noch nicht erfahren. Davon gehört aber sehr wohl. Wickeln dürfen sie in ihren Kitas alle. „Die Stadt und die Leitungen stärken uns da den Rücken“, sagt Skrzipietz. Diskutiert werde das Thema vor allem „unter der Hand“, erzählt Budahn-Diallo. „Natürlich sollten Erzieher wickeln. Alles andere wäre Diskriminierung.“

Zwar wurde die Mehrzahl der bekannt gewordenen Missbrauchsfälle von Männern begangen. „Das lässt aber den Umkehrschluss nicht zu, dass alle Männer unter Generalverdacht stehen.“ Es brauche allgemeine Schutzmechanismen in Betreuungseinrichtungen, unabhängig vom Geschlecht der Erzieher. Ali Bektas hat dennoch auf Wunsch von Eltern ein Kind nicht gewickelt. „Sie haben sich entschuldigt, aber gesagt, sie kriegen das nicht aus dem Kopf heraus.“

(mh)
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