Dinslaken : Jürgen Grafen mit dem Rheinlandtaler ausgezeichnet

Landschaftsverband ehrt den ehemaligen Dinslakener Ratsherrn im Museum Voswinckelshof.

Er fühle sich geehrt, aber vor allem sei er jetzt erschöpft, erzählte Historiker Jürgen Grafen nach der Verleihung des Rheinlandtalers durch den LVR gestern in einer Feierstunde im Museum Voswinckelshof. „Ich bin doch nachdenklich geworden, was ich alles so in meinem Leben gemacht haben soll“, sagte er und fügte hinzu: „Aber all die Arbeit konnte ich nur mit Hilfe von vielen Freunden schaffen, die alle einen Teil des Rheinlandtalers mitverdient haben.“ Er dankte vor allem Stadtarchivin Gisela Marzin, ohne „die ich nie an all die Dokumente gekommen wäre“. Auch seine politische Arbeit in der SPD und im Rat, habe ihm Türen geöffnet, die anderen verschlossen geblieben wären.

Seit 42 Jahren verleiht der Landschaftsverband Rheinland (LVR) die Auszeichnung „für herausragende Verdienste um die landschaftliche Kulturpflege“. Die Stiftung des Rheinlandtalers stellt für den LVR als Träger landschaftlicher Kulturpflege eine außerordentliche Auszeichnung dar, mit der die aktive Mitarbeit engagierter, ehrenamtlich tätiger Bürgerinnen und Bürger gewürdigt wird.

Mit Jürgen Grafen wurde nun ein Mann ausgezeichnet, der sich in hohem Maße für die Auseinandersetzung mit dem Schicksal der jüdischen Mitbürger zur NS-Zeit auseinandersetzte und für die Versöhnung auf kommunaler Ebene mit den Überlebenden und Nachkommen jener Menschen einsetzte. Und dies zu einer Zeit, die geprägt war „mit dem oft fehlenden Schuldbewusstsein der Älteren“, wie es Karin Schmitt-Promny (LVR) in ihrer Laudatio kundtat.

Die Fernsehserie „Holocaust“ war eine Art Katalysator für Jürgen Grafen. Wenige Tage nach der Ausstrahlung nahm er an einer Podiumsdiskussion der VHS Dinslaken teil, begab sich schließlich auf Spurensuche. „Du hast die ehemaligen jüdischen Mitbürger gesucht, gefunden und ins Gespräch gebracht“, lobte Bürgermeister Michael Heidinger das Engagement Jürgen Grafens. „Wer mit einem Geschichtsbewusstsein durch Dinslaken geht, erkennt, wie viel Spuren Jürgen Grafen mit seiner Forschung hinterlassen hat.“ Heidinger nennt Inschriften an den Häusern früherer Mitbürger, das Mahnmal im Park, die Gedenktafel am früheren Waisenhaus, die Namensgebung der Jeanette-Wolff-Realschule und nicht zuletzt sei er maßgeblich an der Städtepartnerschaft zu Arad beteiligt gewesen. Für die Restaurierung des alten jüdischen Friedhofes gab Grafen ebenfalls den Anstoß.

Mehrere Aufsätze und Bücher zum Thema jüdischer Geschichte und der Geschichte der Synagoge habe Jürgen Grafen mitverfasst, so Karin Schmitt-Promny. Doch das Engagement des heute 77-Jährigen, der seit Kurzem in Erfurt lebt, ging weit über die bloße Forschung hinaus. Er suchte nach Überlebenden und Nachfahren der Dinslakener Juden, seine Bemühungen mündeten in langjährigen persönlichen Kontakten und Freundschaften wie zu Fred Spiegel, Jeanette Wolff und ihrer Tochter Edith Marx, denen Jürgen Grafen und seine Frau Uschi zeitlebens in enger Freundschaft verbunden waren.

Die Auszeichnung an Jürgen Grafen sei auch wichtig für die Stadt Dinslaken, so Heidinger. „Das Schicksal der jüdischen Mitbürger fand dank Dir und Deiner Arbeit Einzug in die Stadtgeschichte“, sagte Heidinger. Und inzwischen sei Grafen nicht mehr der einzige, der sich ehrenamtlich um die NS-Zeit, das Schicksal der jüdischen Mitbürger und überhaupt um die Dinslakener Stadtgeschichte verdient mache, so Heidinger.

Landrat Ansgar Müller lobte Grafen als ausgewiesenen Experten der Thematik. Auch er wies auf den aufkeimenden Rassismus und Hass in der Gegenwart hin und mahnt, alles erdenkliche gegen diesen Neo-Nationalismus zu unternehmen. „Wo bürgerschaftliches Engagement fehlt oder gar in sein Gegenteil verkehrt wird, kann der mühsam errungene gesellschaftliche Konsens, das demokratische Selbstverständnis schneller ins Wanken geraten als viele denken“, mahnte auch Karin Schmitt-Promny.

(big)