Kraftwerk Voerde Kühlturm gesprengt – 165-Meter-Riese versinkt im Staub

Dinslaken · Wo eben noch ein voluminöses hellgraues Bauwerk aus Stahlbeton stand, liegt Sekunden später nur noch ein gewaltiger Haufen Schutt. So lief sie ab, die Sprengung einer bedeutenden Landmarke.

Sprengung: Kühlturm in Voerde gesprengt - Fotos/Bilder vom 3. Dezember 2023
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So war die Sprengung des Kühlturms in Voerde

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Foto: Armin Fischer (arfi)/Klaus Otto

Ein Knall, gefolgt von einer mächtigen Detonation: Der Kühlturm knickt leicht ein, dann fällt der runde Riese in einer gleichmäßigen Abwärtsbewegung in sich zusammen. Das letzte Drittel versinkt im aufsteigenden Staub. Wo eben noch ein 165 Meter hohes und bis zu 120 Meter im Querschnitt messendes Bauwerk aus Stahlbeton stand, ist Sekunden später nur ein Haufen Schutt übrig. Ein ziemlich großer Haufen: 25.000 Tonnen – das hat man zuvor berechnet. Durch die Menge der Zuschauer geht ein Raunen. Einige applaudieren. „Das ging schnell“, meint ein mit Kamera bewaffneter Herr.

Schon seit einigen Monaten ist der Rückbau des 2017 stillgelegten Steinkohlekraftwerks in Voerde-Möllen im Gange. RWE, seit 2021 Eigentümer des gesamten Areals, schafft damit Platz für neue Anlagen, in denen in industriellem Umfang grüner Wasserstoff erzeugt werden kann. Das zumindest ist die Perspektive des 60 Hektar großen Kraftwerk-Geländes, das früher großenteils der Steag gehörte.

Bei den bisherigen Rückbau-Aktivitäten handelte es sich vor allem um Entkernungsarbeiten mit dem Ziel, dass zuletzt nur noch die Gebäudehüllen stehen. Ob diese am Ende auch gesprengt werden, steht noch nicht fest. Die Sprengung des Kühlturms war der erste weithin sichtbare Akt des Abbruchs. 2026 soll er abgeschlossen sein.

Spaziergang über das alte Kraftwerksgelände der Steag in Voerde-Möllen
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Spaziergang durch Ruinen

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Foto: mn/Martin Büttner

Die vertraute Silhouette des direkt am Rhein gelegenen Kraftwerks hat sich von jetzt auf gleich schlagartig verändert. Drei schlanke Schornsteine ragen verloren in den blass-blauen Dezember-Himmel. Der große – und vor allem dicke – Bruder ist verschwunden. Die Zeichen stehen auf Veränderung. Das ist jetzt nicht mehr zu übersehen. Das Team um Sprengmeisterin Ulrike Matthes von der Thüringer Sprenggesellschaft hat ganze Arbeit geleistet

Um eine Gefährdung durch die Sprengung auszuschließen, hatte RWE eine Sperrzone um das Kraftwerks-Areal einrichtet. Die Bewohner von etwa zehn Wohngebäuden südwestlich und nordöstlich der Frankfurter Straße, die innerhalb der Sperrzone lagen, mussten spätestens um 9 Uhr ihre Wohnungen verlassen haben.

Der Kühltum im Bau: ein Bild, aufgenommen im August 1980.

Der Kühltum im Bau: ein Bild, aufgenommen im August 1980.

Wegen der zu erwartenden Staubwolken war den Anwohner geraten worden, Fenster zum Schutz geschlossen zu halten, Klimaanlagen abzustellen und die Rollläden herunterzulassen. Wasserwerfer und Hydroschilde – Schleier aus feinsten Wassertröpfchen – kamen zum Einsatz, um die Staubentwicklung in Grenzen zu halten.

Polizei, Ordnungsamt und Sicherheitspersonal überzeugten sich, dass sich nach 9 Uhr wirklich niemand mehr im Sperrbereich aufhielt. Die Stadt Voerde stellte im Haus Wohnung für die Ausquartierten eine Aufenthaltsmöglichkeit zur Verfügung. Doch nur zwei Personen und ein Hund machten von diesem Angebot Gebrauch. Um 12.15 Uhr gab es die offizielle Entwarnung.

Etliche Schaulustige verfolgten das Spektakel von verschiedenen Punkten entlang der Sperrzone. Auch von der gegenüberliegenden Rheinseite hat man einen guten Blick auf das im Abbruch befindliche Kraftwerk. Mit Teleobjektiv ließ sich die Sprengung in Bildern und Videos auch aus einiger Entfernung festhalten.

Das Verschwinden einer Landmarke bewegt viele Menschen. Im Voerder Stadtteil Möllen hat man Jahrzehnte mit dem Kraftwerk gelebt. Manche werden es vermissen. Dennoch kam teilweise fast Volksfestatmosphäre auf. Einige hatten sich Klappstühle mitgebracht, um das nur Sekunden währende Schauspiel abzuwarten. Es wurde gelacht, gescherzt und gegrillt. Und im Verborgenen vielleicht auch ein Tränchen verdrückt.

Das laut der früheren Betreiberin Steag „einst größte Steinkohlekraft Deutschlands“ wurde in den Jahren 1970/71 erbaut – zunächst mit zwei Blöcken (West I und West II) mit 322 und 318 MW elektrische Leistung. 1982 beziehungsweise 1985 kamen die Blöcke Voerde A und Voerde B mit je 695 MW elektrische Leistung hinzu. Aus dieser zweiten Bauphase stammt der Kühlturm, der jetzt – gut 40 Jahre später – gesprengt wurde.

Im Herbst 2015 forderte die RWE – als 25-prozentiger Anteilseigner – die Steag dazu auf, zwei Kraftwerksblöcke (Voerde A und B) bis Ende September 2016 vom Netz zu nehmen. Die RWE begründete ihre Forderung mit den niedrigen Großhandelspreisen. Als Stilllegungstermin wurde der 31. März 2017 festgelegt. Im Januar 2017 teilte Steag mit, zeitgleich auch die Blöcke West I und II abzuschalten. Damit war das Kraftwerk als Ganzes stillgelegt.

(fbl)
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