Dinslaken: Köse zeigt die Wahrheit über das Töten

Dinslaken: Köse zeigt die Wahrheit über das Töten

"Gegen Vergessen – für Toleranz": Dinslakener Lions-Club präsentierte im Dachstudio einen Themenabend mit Theater, Musik, Literatur und einem Dokumentarfilm über den Holocaust-Überlebenden Fred Spiegel.

"Gegen Vergessen — für Toleranz": Dinslakener Lions-Club präsentierte im Dachstudio einen Themenabend mit Theater, Musik, Literatur und einem Dokumentarfilm über den Holocaust-Überlebenden Fred Spiegel.

Foto: Büttner, Martin (m-b)

Es war ein anstrengender, inhaltlich ungeheuer dichter Abend, der den Besuchern einiges abverlangte. Ein Abend, in dessen Mittelpunkt Adnan G. Köses Dokumentarfilm "Witness of truth" (Zeuge der Wahrheit) über den Dinslakener Holocaust-Überlebenden Fred Spiegel stehen sollte. Der Beitrag des Dinslakener Regisseurs und Drehbuchautors hatte vor zwei Monaten auf dem Paul-Spiegel-Festival "Jüdische Welten" im Düsseldorfer Filmmuseum Premiere.

Und wenngleich das schlecht klimatisierte Dachstudio sich als Kinosaal nur sehr bedingt eignet, hätte allein der Film das Kommen gelohnt. Doch das Lions-Hilfswerk Dinslaken — es hat Köses Film finanziert — wollte den Besuchern mehr bieten.

Und so gab es neben künstlerisch hervorragenden Fotoprojektionen von Alfred Grimms Mahnmal im Stadtpark und Klezmer-Musik der Musikschule auch eine Aufführung des Tanztheater-Projekts "Augen auf" des Berufskollegs.

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Rotes Licht, schwarze Hemden und harte stampfende Rock-Rhythmen waren die Zutaten für eine Reihe packender Szenen, in denen die Schüler die Geschichte des Dinslakener "Judenzugs" erzählten. 1938 hatten Nazis jüdische Waisenkinder auf einem Leiterwagen aus der Stadt gejagt.

Als Film- und Theaterregisseur, Produzent, Drehbuchautor und Schauspieler ist Adnan G. Köse den Dinslakenern bekannt. Er ist auch ein talentierter Autor. Das wissen nur wenige. "Eine kurze Geschichte über das Töten" sollte eigentlich ein Theaterstück werden, möglicherweise ein Film. Stattdessen wurde es ein starkes Stück Prosa. Ein Überlebender des Holocaust steht nach 70-jähriger Suche dem Mörder seiner Familie gegenüber. In Auschwitz-Birkenau war der Greis — jetzt 88 Jahre alt — ein berüchtigter Killer, der Babys die Köpfe eintrat und Männer gern totprügelte. Köse erzeugt einen Spannungsbogen, indem er den Täter zunächst als Opfer einer Verwechslung darstellt. Doch sein Verfolger lässt sich nicht täuschen. Stück für Stück entlarvt er den Mörder. Bis hinter der Maske des vermeintlich wohlsituierten Intellektuellen, der so trefflich über das Reinheitsgebot des Weines zu schwadronieren versteht, wieder der Nazi-Scherge aus dem Totenkopf-Sturmbann von 1944 sichtbar wird. Der muss sterben. Das Opfer übt Rache. Es ermordet den Mörder.

Auch Köses Dokumentarfilm "Zeuge der Wahrheit" handelt vom Töten. Er zeigt Original-Fotos aus dem KZ Bergen-Belsen, Bulldozer, die Leichenberge zusammenschieben, Erschießungskommandos, Massengräber. Und er zeigt einen 81-jährigen Mann, der diese Gräuel überlebt hat und darüber berichtet. Fred Spiegel schildert sachlich, er klagt nicht an, sagt, was war und nie wieder sein darf. Die Kamera zeigt ihn oft in Nahaufnahme — seine Augen, den Mund. Der Zuschauer sieht einen Mann, der Schülern von seinem Schicksal, von Tod, Leid und Verfolgung erzählt. Er fühlt sich in seiner früheren Heimatstadt nicht mehr zu Hause, will dort auch nicht mehr leben. Seine Botschaft ist jedoch zu wichtig, als dass er Dinslaken nie wieder besuchen würde. Sie ist einfach: "Krieg ist keine Lösung."

(RP/ac)