Dinslaken: Kneipenstück zwischen Freude, Leid und Hass

Dinslaken: Kneipenstück zwischen Freude, Leid und Hass

Im Bräustüb'l am Bahnhof inszeniert David Zieglmaier vor und hinter dem Tresen das Schauspiel "Dreck" von Robert Schneider. Darsteller Carlo Sohn und Chistoph Bahr glänzen in ihren Rollen.

Sad (Carlo Sohn) und sein Kumpel Wesselow (Christoph Bahr) sind ganz unten. Illegal leben sie in der Stadt, schlagen sich mit Rosenverkaufen und dem Wischen von Autoscheiben vor roten Ampeln durch. "Ich habe kein Recht, hier zu sein", stellt Sad mit einer gehörigen Portion Zynismus fest. "Man muss nachweisen, dass man erschossen wird", kommentiert Wesselow die Aussicht, offiziell Asyl zu bekommen.

So sieht sie aus, die Ausgangslage für gut 60 Minuten Theater in der Kneipe Bräustüb'l am Dinslakener Bahnhof. Für seine erste Inszenierung für die Burghofbühne hat David Zieglmaier den Raum intelligent genutzt. Wesselow taucht hinter dem Tresen aus einer Bodenluke auf, als Wirt Herbert ihn "weckt". Sad lässt sich auf den Schultern seines Freundes durch den niedrigen Kneipenraum tragen und zwischen den Getränken der Gäste auf der Theke absetzen.

"12 Kilometer, 48 Lokale", so erzählt er, sei die Strecke, die er an jedem Abend zurücklegt, um Rosen an den Mann zu bringen. Die Kunst des Blumenverkaufs demonstriert Carlo Sohn dann auch direkt in einer kleinen Bewirtungspause — und wird beim Premierenpublikum tatsächlich einige Rosen für 2,50 Euro pro Stück los. Weniger Erfolgreich: Christoph Bahr, der als Wesselow mit Sprühflasche und Lappen in der Hand die Tische der Kneipe wischt.

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In ihren Rollen glänzen beide Schauspieler der Burghofbühne. Carlo Sohn nimmt man den arabischen Rosenverkäufer sofort ab, der sich selbst in sehr zynischer Art und Weise nur als Abschaum, als Dreck, betrachtet. "Ich würde nie soweit gehen, mich hier in der Stadt auf eine Parkbank zu setzen", berichtet er. "Aber ich benutze hin und wieder eine öffentliche Toilette, auch wenn ich weiß, dass mein Urin Eure Kanalisation zum Überlaufen bringt." Eine energetische Darstellung von Carlo Sohn.

Als gelungener Kontrast dazu Christoph Bahr, der nicht nur den phlegmatischen Ukrainer Wesselow zum Leben erweckt, sondern sich zwischendurch in eine boshafte Hasstirade gegen Ausländer hineinzusteigern scheint. "Ich bin kein Faschist", sagt er, zieht aber gnadenlos über Einwanderer her, die Deutsche nur verspotten und ausnützen würden. "Das Boot ist voll — Schluss mit der Gastfreundschaft!", schleudert er dem Publikum entgegen.

Gemeinsam rappen die beiden Schauspieler über den Ernst ihrer Situation, tanzen auf der Bühne, laufen durch die Kneipe. Sie liefern sich Wortduelle mit Beleidigungen und brechen beim Gedanken an ihre Heimat fast in Tränen aus. Am Ende verschwindet Wesselow wieder in seinen Keller, und Rosenverkäufer Sad rennt nach draußen. Das Licht in der Kneipe geht aus und die Erkenntnis bleibt: Selbst nach mehr als 20 Jahren ist Robert Schneiders Stück noch sehr aktuell.

(RP)
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