Dinslaken „Kleine Engel“ im Frauenknast

Dinslaken · Eine Runde fliegen. Einmal kurz abheben, sich aufschwingen, allen Ärger hinter sich lassen. Und wenn’s nur in Gedanken ist. Theater macht Träume wahr. Die Burghofbühne gastierte gestern mit „Kleine Engel“ in der Dinslakener Justizvollzugsanstalt. Rund 70 Frauen klatschten Beifall.

Theater hinter Gittern – eine geschlossene Veranstaltung im wahrsten Sinne des Wortes. Rund 70 Frauen wollen dabei sein. Die sechs Stuhlreihen in der Kapelle des Gefängnisses sind schnell besetzt. Es gibt geeignetere Orte, um Theater zu spielen. Das weiß auch Regisseur Stefan Ey. Aber er weiß auch, dass Marco Balianis Reise in die Phantasie Flügel verleiht und Iris Kunz und Leif Scheele die Richtigen sind, sie dem Publikum anzulegen. Das Licht bleibt an. Trotzdem verflüchtigt sich der spröde Charme dieses an einen Gemeindesaal aus den 70er Jahren erinnernden Raumes nach wenigen Minuten.

Auf der Bühne erzählen Assunta und Rocco ihre Geschichte. Es ist ein Märchen, das von zwei gescheiterten Existenzen handelt, zwei Zu-kurz-Gekommenen, die Arbeit suchen und auf einen Job im Himmel hoffen. Die Frauen im Saal hören zu, die meisten zumindest. Nur in der letzten Reihe hört man hin und wieder Kichern oder das, was man in der Schule „schwätzen“ nennt.

Manchmal wird daraus ein Lachen. Oder Singen. Als Iris Kunz auf der Bühne ihr „Volare“ anstimmt, kommt aus der Tiefe des Raums ein „Oho!“ zurück. Als die beiden Schauspieler wild mit den Flügeln schlagend auf der Bühne ihre Runden drehen, ernten sie sogar ein paar Lacher. Und dann gibt es die Szenen, da wird es im Publikum mucksmäuschenstill. Wenn etwa Assunta auf dem Boden hockt und auf die schwarzen Federn ihrer zerrupften Träume weint, verstummt selbst leisestes Flüstern. Nach 55 Minuten gibt es lauten Applaus. Kurz und kräftig. Die Hälfte der Frauen geht zurück in die Zellen. Die andere bleibt zum Publikumsgespräch. Eine Zuschauerin lobt das „Realistische“ an diesem Stück, eine andere will wissen, ob die Schauspieler eine Ausbildung gemacht haben und ob man von der Schauspielerei leben kann. „Aber ja.“ Kunz und Scheele antworten betont locker. Intendant Thorsten Weckherlin fügt süffisant hinzu, dass die Burghofbühne schließlich ein subventioniertes Unternehmen sei – „genau wie dieses Gefängnis“.

Auf Wiedersehen, woanders

Selbstverständlich wird auch diskutiert, ob es Engel gibt. „Man muss nur lange genug suchen“, kommt es aus der ersten Reihe. So wie Assunta und Rocco, erklärt der Regisseur. Die beiden schwebten ständig hin und her zwischen Realität und Phantasie . „Das tun wir auch“, sagt eine Frau und lacht. Die Frage, ob sie nicht mal bei der Burghofbühne mitspielen könne, ist als Scherz gemeint. Weckherlin scherzt zurück. „Nichts dagegen, Sie können gleich mitkommen.“ Stefan Ey macht keinen Spaß, als er sich verabschiedet: „Auf Wiedersehen, woanders.“

(RP)