Kammeroper Köln in Dinslaken: Alfred bleibt das ewige Ekel

Kammeroper Köln in Dinslaken : Alfred bleibt das ewige Ekel

Die Kammeroper Köln ließ in der Aula des OHG mit einer Bühnenadaption von „Ein Herz und eine Seele“ von Wolfgang Menge Fernsehgeschichte auferstehen, die nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat.

Das erste leise Lachen geht durch die ausverkaufte Aula des Otto-Hahn-Gymnasiums (OHG), als die Musik vom Band eingespielt wird. So heimelig im Dreivierteltakt, so vertraut. Eigentlich, so trügerisch und ironisch gemeint und nun, nach 45 Jahren, diese Art von positiven Gefühle erweckend, die man hat, wenn man mit alten Bekannten am Tisch sitzt. Wenn auch diese Bekannten, die am Freitag auf der Bühne neu zu Leben erweckt wurden, solche sind, die man nur fiktional mit einer Mattscheibe oder einem Bühnengraben dazwischen, aber niemals – niemals! – im realen Leben haben möchte. Die Musik war die Titelmelodie der Kultserie „Ein Herz und eine Seele“. Im Rahmen der städtischen Aboreihe gab die Kammeroper Köln „Ekel Alfred“.

Schon nach dem Ende der ersten Staffel im Jahre 1974 bereitete Wolfgang Menge Deutschlands berühmteste Sitcom in der Originalbesetzung für das Theater auf. Keine große Mühe, auch die Fernsehaufzeichnungen wurden vor Publikum aufgezeichnet, die Lacher waren so echt wie die am vergangenen Freitag im OHG. Dabei trat dort jener Effekt ein, der auch „Dinner for One“ lebendig hält: Man weiß durch die ständigen TV-Wiederholungen genau was kommt, aber die erfüllte Erwartung macht die Freude über die Pointe umso größer. Der Theaterabend bestand im ersten Teil aus einer Kombination der Folgen „Der Fernseher“ und „Frühjahrsputz“, im zweiten Teil gab es die Episode von der „Silberhochzeit“.

Heinz Schubert, Elisabeth Wiedemann, Dieter Krebs und Hildegard Krekel haben die Charaktere auf unnachahmliche Weise erschaffen, mit Leben gefüllt und fürs deutsche Fernsehen unsterblich gemacht. Das kann man nicht imitieren, beziehungsweise würde man das, spielte man Schauspieler, die eine Rolle spielen. Und so erlebte das Publikum Sabine Barth als eine Else, die ihr Heim im Griff hat und selbstbewusst genug ist, das „Scheusal“, das sie geheiratet hat, reden zu lassen. Beifällig lächelt sie zu Schwiegersohn Michael (Mario Zuber), wenn dieser Alfred pointiert kontert, gerne verlässt sie sich auf Tochter Rita, die Britta Kohlhaas mit jenem dümmlichen Singsang in der Stimme spielt, den die Wiedemann so genial für ihre Darstellung der „dusseligen Kuh“ entwickelte.

Wenn auch schon in den 1970er Jahren diskutiert wurde, ob die Figur der „Else“ frauenfeindlich sei, Fakt ist, wer einen Typen wie Alfred heiratet, ist entweder selbst keinen Schlag besser oder – und das muss dann bei der herzensguten Else der Fall sein – nun ja, eben eine dusselige Kuh.

Bleibt noch Alfred, „das große Los“, wie er sich selbst als Ehemann bezeichnet. Der Brecht-Schauspieler Schubert spielte ihn als einen CDU-wählenden Stammtischproleten. Wolfram Fuchs mimt den 1920 geborenen Tetzlaff mit der verknöcherten Ausstrahlung eines Alt-Nazis mit militärischer-kurzatmiger Sprechweise.

Damit ist man bei der traurigen Aktualität. Es hat sich seit den 70er Jahren nichts geändert. Alfred ist die Karikatur des christdemokratischen Wählers, der wahrscheinlich zur AfD abwandern wird, weil die versprechen „durchzugreifen“. In diesem Diskurs ist der (sozial-)demokratische Michael zum Stichwortgeber degradiert. (Schlimm hat es ja auch die Engländer getroffen: Alfreds Vorbild „Alf“ war als rassistischer EU-Gegner eine Vorahnung des „hässlichen“ Brexit-Befürworters.)

Doch wirklich unheimlich wurde es am Freitag, als Alfred seine berühmteste Verschwörungstheorie verbreitete: die über Walter Ulbricht als westlichen Agenten. Wer eine Mauer als „Schutzwall“ baue, ruiniere mit den exorbitanten Kosten das ganze Land. Dies könne nur einem Staatschef einfallen, der der Gegenseite zuarbeiten würde.

Wohl nicht alle „Ekel Alfred“-Fans können sich mit der Bühneninterpretation anfreunden, nach der Pause bleiben einige Stühle im Zuschauerraum leer. Die große Mehrheit aber amüsiert sich auch köstlich im zweiten Teil, in dem weniger die Politik als vielmehr die kleinbürgerliche Familie Gegenstand der Satire ist.

(bes)