Julio Isaacson traf Alfred Grimm, der einen Mahnstein für dessen Großvater geschaffen hat

Ein Argentinier in Dinslaken : Jüdische Familiengeschichte in Bronze

An Julio Isaacsons Großvater Julius erinnert einer der vier Mahnsteine von Alfred Grimm auf der Eppinghovener Straße. Nun traf der Argentinier den Künstler in der Dinslakener Altstadt.

Fast hätte man sich verpasst. Denn auch wenn das Internet die Welt gefühlt kleiner gemacht hat, wenn sich ein Fehler in die Mail-Adresse eingeschlichen hat, ist die Distanz zwischen Buenos Aires und Dinslaken augenblicklich wieder riesig. Also andere Wege finden, vor allem weil die argentinische Seite bereits in Person den Luftweg über London, mit einem Abstecher nach Edinburgh, und Amsterdam nach Dinslaken gefunden hatte und über die Neustraße bummelte. Mehrere Stunden und Telefonate später (unter anderem über Stuttgart) war es dann soweit: Alfred Grimm traf mit seiner Frau Barbara am vereinbarten Ort auf der Eppinghovener Straße Julio Isaacson und dessen Frau Mirta.

Eine erste höfliche, abwartende Begrüßung, dann sehr schnell das Gefühl beidseitiger, spontaner Sympathie. Was Alfred Grimm und Julio Isaacson schon seit 2012 verbindet, stand, in Bronze gegossen, zwischen ihnen: Der vom Künstler Alfred Grimm entworfene Mahnstein für Isaacsons Großvater Julius. Der 1875 geborene Installateur führte am Altmarkt seine Klempnerei, bis er mit seiner Frau Selma und fünf ihrer neun Kinder 1940 vor den Nazis nach Argentinien fliehen konnte.

Ein Sohn und eine Tochter waren bereits als Kinder verstorben, die Geschwister Frieda und Paul wurden im KZ ermordet. Ilse, Henriette, Kurt, Max und Otto Isaacson überlebten. Bereits vor ein paar Jahren hatte Julio Isaacsons Cousine Eva mit ihrem Mann Dinslaken besucht, nun wollte er selbst einmal sehen, wo sein namensgleicher Großvater aufgewachsen ist und wie an ihn, der wie seine Frau Selma bereits weinige Jahre nach der Flucht in Argentinien starb, in der Heimat, die ihm die Nazis wie so vielen anderen mit aller Brutalität und Gewalt nahmen, erinnert wird.

Neben den vier Mahnsteinen, die Alfred Grimm 2012 gestaltet hat und auf denen auf Schrifttafeln über jüdische Dinslakener Familien und Beitrag zu Handwerk und Handel in der Stadt informiert wird, konzipierte der Künstler auch das bronzene Mahnmal im Stadtpark. Auch dies besichtigten die Isaacsons gemeinsam mit den Grimms.

Aber vor allem war es auch ein Tag der persönlichen Begegnungen. Mit der Tochter des Heimatforschers Wilhelm Mölleken, Ute Müller, hatten Julio und Mirta Isaacson schon den jüdischen Friedhof auf dem Parkfriedhof besucht und waren über die Neustraße gebummelt, als sie die Grimms auf der Eppinghovener Straße trafen. Das Künstlerehepaar spricht kein Spanisch und hatte sich alle englischen Fachausdrücke rund um die Mahnsteine vorher noch einmal extra eingeprägt. Aber als sie alle dann in lockerer Runde auf dem Altmarkt ins Plaudern kamen, spielten etwaige Sprachbarrieren keine Rolle mehr.

Zum gemischten Eis gab es Informationen und kleine Erzählungen im Gemisch deutsch-englischer Sprache. Und so erfuhren Alfred und Barbara Grimm auch, dass Julio und Mirta Isaacson zwei Töchter im Alter von 35 und 39 Jahren sowie drei Enkelkinder haben. Erzählt wurde auch vom geplanten, neuen jüdischen Museum in Buenos Aires, dessen Direktor der Schwiegersohn von Julio ist.

„Und so ging lebendig, erfüllt mit neuen Eindrücken und sehr angenehm die Zeit dahin“, erinnert sich Alfred Grimm an das Treffen mit den Isaacsons am Montag.

Mit einer ganz herzlichen Verabschiedung endete dann der kurze, aber ausgefüllte Besuch von Julio und Mirta Isaacson zum Wochenbeginn in Dinslaken.

Die beiden fuhren zurück nach Amsterdam, wo sie derzeit ein paar Tage verbringen.

(bes)
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