Dinslaken: Jüdische Schicksale zum Greifen nah

Dinslaken : Jüdische Schicksale zum Greifen nah

Ronny Schneider führte Bürger durch die Dinslakener Innenstadt. Der Stadtführer informiert über das Judentum und und erzählte, wie die Juden hier einst lebten, bevor sie von den Nazis vertreiben und zum Teil ermordet wurden.

Es ist ein ganz normaler Nachmittag. Viele Menschen sind in der Dinslakener Innenstadt unterwegs. Eine Gruppe hingegen wartet an der Gedenktafel, die an das ehemalige jüdische Waisenhaus erinnert. Die zehn Menschen interessieren sich für jüdische Kultur und Geschichte. Eine Dame hat einen persönlichen Bezug zum jüdischen Leben in Dinslaken, denn ihre Großmutter war Kindermädchen bei einer jüdischen Familie.

Ronny Schneider führt die Gruppe in einem zweistündigen Rundgang vorbei an mehreren Stationen jüdischen Lebens in Dinslaken. Er tut dies auf seine ganz eigenen Art: ebenso unterhaltsam wie informativ, fröhlich wie nachdenklich. Die Vergangenheit und vor allem die schrecklichen Ereignisse während der Nazizeit werden an ihren Schauplätzen fast zum Greifen lebendig.

Da waren die Kinder des jüdischen Waisenhauses, die aus ihrem Zuhause gejagt und zum Ergötzen der Dinslakener in einem Leiterwagen durch die Neustraße getrieben wurden, bevor die meisten von ihnen ein trauriges Schicksal erleiden mussten. Da waren die angesehenen jüdischen Bürger, deren Existenzen von den Nazis vernichtet wurden. An einige Geschäfte und ihre jüdischen Inhaber erinnern heute kleine Gedenksteine, die die Berufe sehr anschaulich darstellen.

Alfred Grimm schuf die Kunstwerke als Erinnerungen an ganz normale Bürger in der Mitte der Gesellschaft. So steht zum Beispiel einer dieser Gedenksteine vor dem ehemaligen Kaufhaus Bernhard. Er zeigt das Sortiment des Kaufhauses: Möbel, Textilien und "Aussteuerwaren". Heute ist in dem Haus im Erdgeschoss eine Bank zu finden. An den Platz der Synagoge erinnert nur noch eine Gedenktafel. Die Synagoge wurde in der Pogromnacht durch Brandstiftung vernichtet. Unweit der Synagoge gab es eine jüdische Schule und eine Mikwe für Frauen, in der rituelle Waschungen erfolgten. Die jüdische Gemeinde hatte alle Einrichtungen, die für ihr Leben wichtig waren, nah beisammen.

An der Stelle des heutigen Kreisverkehrs vor dem Stadtpark befand sich bis 1907 auch ein jüdischer Friedhof, doch durch immer größere Verkehrsdichte wurde es notwendig, ihn auf das Gebiet des Friedhofes an der B 8 zu verlegen. Dieser jüdische Teil des Friedhofes ist, nach dem Halt beim Mahnmal mit Leiterwagen, das auch von Alfred Grimm gestaltet wurde, der Schlusspunkt des Stadtrundgangs. Im letzten Licht des Tages steht die Gruppe vor den jüdischen Gräbern und freut sich über die Entdeckung einer schönen Geste: An zentraler Stelle des Friedhofes hat jemand ein christliches Allerheiligengesteck und Grablichter aufgestellt. Wer an einem Stadtrundgang interessiert ist, kann sich bei der Stadtinformation am Rittertor nach den Terminen erkundigen und sich dort anmelden. Die Stadtinfo ist ab November montags bis freitags von 10 bis 17 Uhr und samstags von 10 bis 13 Uhr geöffnet (stadtinformation@dinslaken.de; Tel. 0206466222). Der Teilnahmebeitrag für die Stadtführungen beträgt fünf Euro.

(ps)