Hünxe "Inklusion stellt das gegliederte Schulsystem infrage"

Düsseldorf · Gemeinsamer Unterricht behinderter mit nicht behinderten Kindern – was bedeutet das konkret? Förderschullehrer Thomas Lemm weiß es, denn er berät auch Eltern und Schulen. Er sieht vor allem bei den Gymnasien Nachholbedarf.

 Der Lehrer Thomas Lemm ist Inklusions-Koordinator im Kreis Wesel.

Der Lehrer Thomas Lemm ist Inklusions-Koordinator im Kreis Wesel.

Foto: Martin Büttner

Gemeinsamer Unterricht behinderter mit nicht behinderten Kindern — was bedeutet das konkret? Förderschullehrer Thomas Lemm weiß es, denn er berät auch Eltern und Schulen. Er sieht vor allem bei den Gymnasien Nachholbedarf.

Welche Schule ist die richtige für mein behindertes Kind? Auf diese Frage sucht Thomas Lemm mit den Eltern eine Antwort. Der 45-Jährige ist Lehrer an der Waldschule in Hünxe, einer Förderschule für geistig Behinderte, und mit der anderen Hälfte seiner Stelle Inklusions-Koordinator des Kreises Wesel: Er berät Schulen und Eltern — und kennt daher die Probleme aus erster Hand.

Kann jedes behinderte Kind jede Schule besuchen?

Lemm Angesichts der aktuellen Bedingungen, etwa bei der personellen Ausstattung: Nein. Nicht jede Schule in Nordrhein-Westfalen ist so ausgestattet, dass jedes behinderte Kind kommen kann.

Idealerweise sollte es aber so sein?

Lemm Ja.

Schließt das die Gymnasien ein?

Lemm Das wäre Sinn und Zweck der Inklusion — man kann das Prinzip ja mit "Eine Schule für alle" übersetzen. Die Frage ist allerdings, ob das am Ende nicht das gegliederte System der allgemeinen Schulen insgesamt infrage stellt.

Wollen Sie damit sagen, dass die Umsetzung der Inklusion die Schulform Gymnasium überflüssig macht?

Lemm Ich glaube, dass wir langfristig darüber nachdenken müssen, ob wir neben der Gesamt- und Sekundarschule noch ein differenziertes Schulsystem brauchen. Die Schulen, an denen Inklusion vorbildlich umgesetzt wird, sind Systeme, die durch die Offenheit der Bildungsgänge allen Schülerinnen und Schülern ein individuell passendes Lernangebot machen können.

Das dürfte die Vorbehalte vieler Gymnasien gegenüber der Inklusion nicht eben kleiner machen.

Lemm Ich glaube, dass viele Gymnasien sich einfach nicht vorstellen können, wie das klappen soll. Wir haben jahrzehntelang gelernt, dass nur der ans Gymnasium gehen kann, der die entsprechenden kognitiven Fähigkeiten hat. Es gibt aber auch viele behinderte Schüler, die Abitur machen können — Hör- oder Sehbehinderte zum Beispiel.

Die sind ja auch nicht der Kern des Problems.

Lemm ... sondern etwa die geistig Behinderten, richtig. Da herrscht immer noch oft das Missverständnis: Wer am Gymnasium ist, muss auch das Abitur machen. Sicher ist die Spannweite zwischen behinderten und nicht behinderten Schülern am Gymnasium am größten. Deshalb ist dort auch der Unterstützungsbedarf zur Aufbereitung individueller Lernwege besonders groß.

Also mehr Hilfe für die Gymnasien als für die anderen Schulformen?

Lemm Nicht unbedingt. Man muss den Gymnasien einfach etwas mehr Zeit geben — allerdings ohne sie dabei aus der Verantwortung zu entlassen. Inklusion funktioniert nur, wenn sie freiwillig funktioniert.

In Baden-Württemberg schlägt der "Fall Henri" hohe Wellen — dort haben ein Gymnasium und eine Realschule ein Kind mit Down-Syndrom abgelehnt. Verstehen Sie das?

Lemm Verstehen kann ich das. Man muss den Schulen aber auch zeigen, dass sie sich nicht für immer mit der Aussage raushalten können, vernünftiger Unterricht sei nicht möglich — die Schulen müssen überlegen, wie sie ihre Unterrichtskonzepte entsprechend verändern können.

Was ist der wichtigste Einzelfaktor dafür, dass Inklusion gelingt?

Lemm Die Haltung der Lehrer. Die fußt natürlich auf einer guten Ausbildung. Direkt im Anschluss käme dann die Frage, ob ich eine Klasse mit einem oder zwei Lehrern besetze.

Das heißt, Inklusion funktioniert auch ohne doppelten Lehrer?

Lemm Ich brauche, zumindest zeitweise, eine Doppelbesetzung, wenn ich zieldifferent unterrichten muss, wenn ich also für die behinderten Schüler einen eigenen Lernplan verfolge — zum Beispiel in einer Gesamtschulklasse mit geistig Behinderten. Da komme ich mit den bisherigen Differenzierungsmaßnahmen nicht mehr weiter, und da geht es auch nicht ohne Sonderpädagogen.

Welche Kinder sind an einer Förderschule besser aufgehoben?

Lemm Zum Beispiel Kinder mit schwersten emotionalen und sozialen Störungen. Deren Eltern können das aber oft auch gut einschätzen. Auch bei Kindern mit geistiger Behinderung muss man immer abwägen. Und was die schwerst Mehrfachbehinderten angeht — auch die gehören ja dazu. Für die gibt es aber im Moment kaum eine Schule, die entsprechend ausgestattet wäre.

Können Sie Eltern solcher Kinder von einer Förderschule überzeugen?

Lemm Die Eltern sind meist dankbar für eine ergebnisoffene Beratung, trotzdem entscheiden sich am Ende manche gegen meinen Rat. Aber alle Eltern nicht behinderter Kinder müssen ja genauso diese Entscheidung für eine Schulform treffen.

Kommen Eltern zu Ihnen zurück, deren Kind an einer allgemeinen Schule gescheitert ist?

Lemm Ich hatte unlängst den Fall eines kleinwüchsigen Mädchens, das an der Realschule gemobbt wurde. Dort war sie das einzige behinderte Kind. Sie ist dann freiwillig zur Förderschule gewechselt — und nach einem halben Jahr zur Gesamtschule. Die Förderschule war für sie zwar ein Schutzraum, hat sie mit ihren Fähigkeiten aber unterfordert. An der Gesamtschule klappt beides gut.

Ab dem 1. August greift der Rechtsanspruch auf einen Platz an einer allgemeinen Schule. Müssen die Schulen dann erst mal improvisieren?

Lemm Improvisation und Mut zur Lücke werden dazugehören, aber besonders im Kreis Wesel haben wir bereits viele allgemeine Schulen mit einer langjährigen Erfahrung im gemeinsamen Lernen.

Sind die Lehrer an Regel- und Förderschulen genügend vorbereitet?

Lemm An den Schulen, für die die Inklusion ganz neu beginnt, sicher nicht in allen Fällen. Wir müssen uns aber klarmachen: Keine Schule wird von zig Behinderten überrannt werden. Im Kreis Wesel gibt es etwa 150 Schüler mit Förderbedarf, die sich zum nächsten Schuljahr nach der Grundschule auf 40 potenzielle Schulen der Sekundarstufe 1 verteilen werden.

Manche Schule wird schon mit einem Behinderten Probleme haben.

Lemm Das mag sein, dieser eine Schüler mit Förderbedarf alleine ist aber kein Grund zur Hysterie. Vielmehr werden jetzt durch die neuen Aufgaben im Zuge der Inklusion die Probleme und wachsenden Anforderungen unübersehbar, mit denen wir uns im Schulalltag schon lange auseinandersetzten müssen.

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