Dinslaken/Lesbos: In Europa gestrandet

Dinslaken/Lesbos: In Europa gestrandet

Die Dinslakenerin Bärbel Radmacher leistet auf der griechischen Insel Lesbos pädagogische Hilfe für Flüchtlinge.

Die Boote kommen zwischen fünf und elf Uhr, da ist die See am ruhigsten. 40 bis 50 Flüchtlinge pro Schlauchboot, manchmal sogar mehr, landen kontinuierlich an der Nordküste der griechischen Insel Lesbos. Manche umrunden die Insel, landen an der südlichen Küste. Lesbos liegt günstig, nur wenige Kilometer von der Türkei entfernt. Dennoch ist und bleibt es eine gefahrvolle Reise, die immer wieder Opfer unter den Flüchtlingen fordert.

"Wir haben Flüchtlinge erlebt, die sich auf den Boden warfen und beteten, andere lachten, wieder andere freuten sich nur und manche fragten uns: ,Ist das hier Europa?', berichtet Bärbel Radmacher von ihren Erlebnissen. Es seien meist Syrer und Afghanen, die den Weg von der Türkei aus übers Mittelmeer wagten. Vom Baby bis zum alten Mann seien alle Altersgruppen vertreten. "Die Schlauchboote werden bei der Ankunft auf Lesbos zerstört, die weggeworfenen Rettungswesten und Kleidungsstücke bedecken weite Teile des Strandes", erzählt Radmacher weiter. Und da gebe es die Griechen, die die Außenbordmotoren entwenden, mit ihnen ließen sich gute Geschäfte machen.

"Es gibt viele, die sich am Leid der Flüchtlinge bereichern", hat Bärbel Radmacher während ihrer Arbeit für die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners ausmachen konnte. 14 Tage lang leistete sie mit weiteren zehn Helfern pädagogische Akuthilfe vor Ort; finanziell unterstützt von der Aktion "Deutschland hilft". Doch die Spenden versiegen langsam, erst wenn neues Geld gesammelt sei, könne die Arbeit weiter geleistet werden.

"Dabei benötigen die Menschen hier Hilfe", so Radmacher, "Hunderte von Flüchtlingen schlafen auf der Kaimauer, im Park, auf der Straße, warten auf ihre Registrierung und ihr Ticket nach Athen." Das kostet übrigens 60 Euro und muss von den Flüchtenden bezahlt werden. Die von der EU eingerichteten Hot Spots seien nicht gut ausgerüstet, es fehle an allem.

  • Dreister Diebstahl zur Weihnachtszeit : Hunderte Weihnachtsbäume in NRW gestohlen

"Die Organisation ist nicht wirklich gut, die Menschen sitzen unter freiem Himmel und warten darauf, eingelassen zu werden, sich registrieren zu lassen", berichtet die Waldorflehrerin, die eigens für ihre Arbeit frei bekam. "Wir halfen, wo wir nur konnten, schrieben Wartenummern per Hand auf Blocks, räumten auf und spielten mit den Kindern." Eine Ablenkung.

Denn die eigentlich Notfallpädagogik fand im Hot Spot Moria nur am Nachmittag statt. "Dennoch konnten wir die Kinder, aber auch die Erwachsenen für ein paar Momente von ihrem Elend ablenken", erzählt Radmacher.

In Moria war die Dinslakenerin hauptsächlich für die unbegleiteten Minderjährigen zuständig. "Sie lebten dort wie in einem Gefängnis, durften das Gelände nicht verlassen, mussten ihre Gürtel abgeben. "Das alles", erklärt Radmacher, "diente zu ihrem Schutz, damit sie sich nicht selbst schadeten oder skrupellosen Menschenhändlern in die Hände fielen. Nur sagte ihnen das keiner."

Die Helfer haben mit ihnen gearbeitet, versucht mit Basteln, Malen, Musik die Selbstheilungskräfte der traumatisierten Kinder zu mobilisieren. Ob es gelingt? Einer der Jungen hatte seine Eltern unterwegs verloren, im Lager habe er ein Kätzchen "adoptiert", das ersetzt ihm jetzt die Familie. Die einzige Frage eines Mädchens (13), das mit ihren Schwestern drei Jahre lang in der Türkei illegal als Näherin beschäftigt wurde: "Dürfen wir in Deutschland zur Schule gehen. Ich möchte später Ärztin werden."

(RP)
Mehr von RP ONLINE