In der Stadtbüchrei: Martin Walsers jüngster Roman

Neu in der Stadtbücherei: Von „sexueller Inkorrektheit“

Wie schon der letzte Roman Martin Walsers, „Statt etwas oder der letzte Rank“ (2017), unterläuft auch der jüngste Roman des inzwischen 91jährigen Schriftstellers, „Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte“,  souverän die Leser-Erwartungen  an einen „ordentlich“ erzählten Roman.

Der thematische Schwerpunkt des essayistisch weit ausgreifenden Brief-Romans liegt auf dem aktuellen Verhältnis der Geschlechter zueinander, wobei Martin Walser hier, in der Maske seiner Zentralfigur, mit bissiger Ironie und polemischer Schärfe Position bezieht gegen die heute üblich gewordenen Ansprüche an männlich korrektes Verhaltens.

Absender der Briefe an eine Unbekannte ist der freischaffende Philosoph Justus Mall, einst Oberregierungsrat in bayerischen Diensten, der über eine „sexuelle Inkorrektheit“ stolperte. Er hatte in einer Bar den aufreizend entblößten Oberschenkel einer jungen Frau mit dem Zeigefinger kurz berührt – aus seiner Sicht „eine Geste der Anbetung, der Verehrung“. Die junge Frau brachte den Fall in die Medien, die den Oberregierungsrat als  „altersgeilen Grabscher“ anprangerten, was wiederum seinen Dienstherren nötigte, ihn in den vorzeitigen Ruhestand zu versetzen.

Dieser Justus Mall ist aber nicht nur ein bekennender „Erotomane“, sondern nimmt sich die Freiheit, zwei Frauen mit gleicher Intensität zu lieben und an sich zu binden: seine Ehefrau Gerda, sein „Sternbild“, und seine junge Geliebte Silke, sein „Blütenschwall“. Und er sympathisiert öffentlich mit Donald Trump, weil der wenigstens ehrlich ist und „Sätze sagt, die peinlich sind“.

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Die Zentralfigur seines neuen Romans ist von Walser – und das macht die literarische Qualität des Buches aus – aber von Anfang an auch als eine gebrochene Figur angelegt, die ihre Unzeitgemäßheit und innere Widersprüchlichkeit immer schon mit reflektiert und ihre Verurteilung durch den Leser selbst schon vorweg nimmt.

Das alles ist virtuos formuliert und satirisch gekonnt überzeichnet, liest sich ebenso amüsant wie erfrischend und trägt den Leser über manche Reprise aus früheren Romanen Walsers hinweg. Ein Buch, das Widerspruch provozieren wird und will, aber vielleicht doch auch für ein Stück gesunden Menschenverstand plädiert, der in den aktuellen Gender- und „Me too“-Debatten oft verloren zu gehen droht.

Martin Walser: Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte. Rowohlt: 2018.